Meilensteine in Westmecklenburg: Rätselhafte Bundesstraßen-Hinweise auf 200 Jahre alten Steinen
Wer heute mit dem Auto unterwegs ist, orientiert sich an Straßenschildern und digitalen Navigationssystemen. Vor 200 Jahren sah die Welt anders aus: Reisende und Fuhrleute nutzten Meilensteine als Wegmarken. Im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Westmecklenburg sind noch heute 105 dieser historischen Steine erhalten, die eine faszinierende und zugleich rätselhafte Geschichte erzählen.
Zeugen des Chaussee-Baus aus dem frühen 19. Jahrhundert
Die markanten Meilensteine stammen aus der Zeit um 1826/27 und wurden im Zusammenhang mit dem Bau der Chaussee von Berlin über Ludwigslust nach Hamburg aufgestellt. Olaf Grell von der Forschungsgruppe Meilensteine erklärt: „Der Meilenstein bei Dömitz markiert heute 30 Kilometer von Ludwigslust entfernt. Er wurde, wie alle weiteren noch vorhandenen Meilensteine zwischen Ludwigslust und Dömitz, nach 1872 ins metrische Standortsystem versetzt.“ Weitere Steine entlang dieser historischen Route stehen beispielsweise auf Kilometer 10, 20 oder 25.
Das Rätsel der modernen Bundesstraßen-Nummern
Was jedoch besonders neugierige Betrachter verwundert: Viele dieser fast 200 Jahre alten Meilensteine tragen metallene Schilder mit den modernen Bezeichnungen B191 und B195. Haben etwa schon die Herzöge des 19. Jahrhunderts Bundesstraßen gebaut? Olaf Grell schüttelt den Kopf: „Nein, die metallenen Schilder wurden in Anlehnung an historische Beschilderungen von Meilensteinen Anfang der 1990er-Jahre im Rahmen einer ABM-Maßnahme angefertigt und angebracht.“
Ausgangspunkt dieser Aktion war, dass an der B5 in Mecklenburg Anfang der 1990er-Jahre nur noch wenige originale Gusstafeln an den Meilensteinen erhalten waren. Die fehlenden Tafeln wurden nachgegossen und angebracht – ein durchaus denkmalgerechtes Vorgehen für diese speziellen Steine, da es originale Vorbilder gab.
Historische Tafeln treffen den Zeitgeschmack – mit fragwürdigen Folgen
Offensichtlich fand die Idee solcher historisierenden Tafeln Gefallen. In der Folge wurden auch für Meilensteine an anderen Straßen ähnliche Plaketten nachgebildet. Da jedoch oft nicht bekannt war, welche Beschriftungen diese Steine ursprünglich trugen oder ob sie überhaupt Gusstafeln hatten, griff man kurzerhand zu einer pragmatischen Lösung: Man schrieb einfach die aktuellen Bundesstraßennummern auf die Tafeln.
Olaf Grell merkt kritisch an: „Es gibt dafür keine wirklichen historischen Vorbilder. Es ist nicht einmal bekannt, ob alle Meilensteine, die später solche Tafeln mit der Bundesstraßennummer erhielten, jemals zu ‚Meilenzeiten‘ solche oder ähnliche Tafeln hatten.“ Sogar Grenzsteine oder Markierungen für Kabelverläufe wurden damals mit diesen Bundesstraßennummerntafeln ausgestattet.
Aus denkmalpflegerischer Sicht betrachtet der Experte diese Verzierung der Steine daher als „etwas fragwürdige Aktion“. Dennoch ändert dies nichts an der Faszination, die von diesen steinernen Zeugen ausgeht. Sie laden dazu ein, darüber nachzudenken, was auf diesen Wegen in ihrer 200-jährigen Geschichte alles passiert sein muss – von Postkutschen über Militärkonvois bis hin zu modernen Autos.



