Russland-Experte im Interview: „Deutsch-russische Gegnerschaft war für mich unvorstellbar“
Russland-Experte: „Deutsch-russische Gegnerschaft unvorstellbar“

Vier Jahrzehnte Russland-Erfahrung: Ein Experte blickt zurück

Mehr als vier Jahrzehnte lang war die Sowjetunion und später Russland ein zentraler Bestandteil im Leben von Professor Robby Scholz. Der gebürtige Neubrandenburger und studierte Geodät berichtet seit vielen Jahren als sogenannter „Russland-Vermesser“ für den Nordkurier über das riesige Land im Osten und die Beziehungen zwischen Moskau und dem Westen. Seit seinem Studium im damaligen Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, hat Scholz Russland nie aus den Augen verloren und das Land dutzendfach bereist.

Ein Verhältnis im freien Fall

Im exklusiven Interview mit Nordkurier-Chefredakteur Gabriel Kords spricht der Experte über persönliche Erfahrungen, politische Wendepunkte und gesellschaftliche Entwicklungen. Besonders betont er dabei seine Überraschung über den aktuellen Zustand der deutsch-russischen Beziehungen. „Ehrlich gesagt: Das konnte ich mir nie vorstellen“, erklärt Scholz auf die Frage, ob er die heutige offene Gegnerschaft zwischen Deutschland und Russland je für möglich gehalten hätte.

Der Russland-Kenner erinnert sich: „In all diesen Jahren – in der Sowjetunion wie später in Russland – habe ich immer erlebt, dass es eine große Sympathie für Deutschland gab. Trotz der furchtbaren Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs war da viel gegenseitiges Verständnis, aber auch Achtung und Respekt.“ Deutschland habe Know-how eingebracht, Russland Ressourcen – eine Art Triebkraft der Zusammenarbeit, die sich nun massiv verschlechtert habe.

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Der Wendepunkt 2012

Als entscheidenden Wendepunkt identifiziert Scholz das Jahr 2012, als es zur sogenannten Präsidentenrochade zwischen Dimitri Medwedjew und Wladimir Putin kam. „Dieser im Grunde nicht verfassungskonforme Akt hat viele Menschen irritiert und auch verärgert“, so der Experte. Die Demonstrationen auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau hätten erstmals deutlich gemacht, dass sich der öffentliche Diskurs verändere. Das System der „gelenkten Demokratie“ sei zunehmend in Richtung eines präsidialen vertikalen Machtsystems umgebaut worden.

Dies habe konkrete Folgen für die russische Gesellschaft: „Wer sich einfügt, wird gefördert. Wer nicht passt, landet schnell auf dem Abstellgleis.“ Selbst gut gemeinte Initiativen wie die Ansiedlung junger Menschen im Fernen Osten oder Sibirien scheiterten oft an mangelnder Freiheit für Innovation und Kreativität.

Persönliche Erfahrungen und Sicherheitsbedenken

Scholz‘ letzter Besuch in Russland im Jahr 2024 markierte eine Zäsur in seiner langjährigen Beziehung zum Land. „Bis dahin habe ich Russland immer als freundlich erlebt. 2024 war allerdings das erste Mal, dass mich russische Freunde regelrecht begleitet und auf meine Sicherheit geachtet haben“, berichtet er. Diese neue Vorsicht habe ihn nachdenklich gemacht und zu der Entscheidung geführt, vorerst nicht mehr auf eigene Faust nach Russland zu reisen.

Der Krieg habe das Land deutlich verändert: Viele Menschen seien ausgewandert, die Wirtschaft auf Rüstungsproduktion umgestellt, Arbeitskräfte und Konsumgüter knapper geworden. Die Sanktionen wirkten inzwischen spürbar, und China könne nicht alles ersetzen, was durch den Wegfall westlicher Lieferketten verloren gegangen sei.

Keine Revolution, kein Kollaps

Zwei Hoffnungen des Westens hält Scholz für unrealistisch: einen inneren Aufstand und den wirtschaftlichen Zusammenbruch Russlands. „Eine Revolution von innen halte ich für extrem unwahrscheinlich“, betont er. Russland sei ein riesiges Flächenland, in dem sich eine schlagkräftige Opposition kaum organisieren lasse. Selbst der gescheiterte Aufstand der Wagner-Truppe zeige, wie schwierig Widerstand sei.

Wirtschaftlich werde Russland nicht einfach zusammenbrechen, da es im Vergleich zu sowjetischen Zeiten heute einen funktionierenden Wirtschaftskreislauf gebe. Zudem verfüge das Land über enorme Ressourcen, und die Bevölkerung sei aufgrund historischer Erfahrungen sehr leidensfähig.

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Das russische Dreieck und historische Prägung

Scholz beschreibt Russlands historische Prägung als ein über Jahrhunderte gewachsenes Dreieck:

  1. Mütterchen Russland als Heimaterde mit dem Volk
  2. Der Herrscher – früher der Zar, heute der Präsident
  3. Gott als geistliche Instanz

„Wenn Russland sich bedroht fühlt, versammelt sich ein Großteil der Bevölkerung hinter der Führung“, erklärt der Experte. Dieses Muster habe sich gegen Napoleon, im Zweiten Weltkrieg und sei auch heute zu beobachten. Vielleicht folgten dem Staatslenker nicht mehr 100 Prozent, aber doch eine deutliche Mehrheit.

Wege zum Frieden und westliche Fehler

Für ein Kriegsende hält Scholz direkte Verständigung zwischen Kiew und Moskau derzeit für ausgeschlossen. „Deshalb braucht es einen Moderator“, sagt er. Aus russischer Sicht sei Donald Trump der einzige Akteur, dem man diese Rolle zutraue. Europa werde dort eher als geschwächt und nicht zuständig wahrgenommen.

Dem Westen wirft der Russland-Experte vor, sich schwer damit zu tun, anzuerkennen, dass andere Länder eigene Wege gehen wollen. „Die Demokratie westlicher Prägung wird hierzulande oft als einzig legitimes Modell gesehen“, kritisiert Scholz. Hinzu komme eine starke Polarisierung in den Medien und die Jagd nach klaren Feindbildern, wodurch viel Tiefe verloren gehe.

Ein Buch als vorläufiger Schlusspunkt

Im vergangenen Jahr hat Scholz seine bisherigen Berichte über Russland und die Ex-Sowjetrepubliken gesichtet und daraus ein großformatiges Buch geschaffen. „Weil ich gemerkt habe, dass es keinen Sinn mehr ergibt, weiter Material zu sammeln, solange sich nichts bewegt“, erklärt er die Motivation. Das Buch sei bewusst wie ein Album angelegt – mit einer leeren Seite, die jederzeit erweitert werden könne.

Besonders in Ostdeutschland bestehe großer Bedarf, mehr über das riesige Land zu erfahren, in dem viele früher zu Gast waren und nun Erinnerungen auffrischen wollten. Dieser Nachfrage trägt auch ein Russland-Abend mit Vortrag und Diskussion Rechnung, zu dem der Nordkurier und Robby Scholz am 23. April ins Nordkurier-Medienhaus einladen – eine bereits ausverkaufte Veranstaltung, die im Laufe des Jahres an mehreren Orten wiederholt werden soll.