Saisonarbeiter in MV: Tausende kehren zurück - oft zu miesen Arbeitsbedingungen
Saisonarbeiter in MV: Rückkehr unter miesen Bedingungen

Saisonarbeiter in MV: Rückkehr unter fragwürdigen Bedingungen

Mit der beginnenden Erntesaison kehren derzeit wieder Tausende ausländische Saisonarbeitskräfte nach Mecklenburg-Vorpommern zurück. Die meisten stammen aus osteuropäischen Ländern und bereiten sich auf anstrengende Arbeitswochen in der Landwirtschaft vor. Ohne diese Wanderarbeiter wäre die Ernte von Spargel, Erdbeeren und Salat in Deutschland kaum noch möglich, da einheimische Arbeitskräfte für diese Tätigkeiten kaum zu gewinnen sind.

Systematische Verstöße gegen Arbeitsrechte

Doch trotz jahrelanger Kritik und Aufklärungsarbeit werden immer noch zahlreiche Saisonkräfte unter zweifelhaften Bedingungen beschäftigt. Die vom Land geförderte Beratungsstelle correct! für ausländische Beschäftigte in MV beobachtet weiterhin gravierende Missstände. Laut dem aktuellen Jahresbericht der Initiative Faire Landarbeit, den die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) vorlegte, gehören illegale Lohnabzüge, Verstöße gegen Arbeitszeitgesetze sowie überteuerte und mangelhafte Unterkünfte zum Alltag vieler Saisonbeschäftigter.

IG BAU-Vorstand Christian Beck fasst die Probleme prägnant zusammen: „Die Saisonbeschäftigten aus dem Ausland bekommen oft zu wenig Geld, müssen in unwürdigen Behausungen wohnen und dazu noch im Akkordtempo arbeiten.“ Der Bericht basiert auf Gesprächen mit mehr als 3100 Betroffenen während Feldaktionen.

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Extreme Arbeitszeiten und unterlaufener Mindestlohn

Die Beraterin Laura Olariu von correct! bestätigt, dass sich die Situation in Mecklenburg-Vorpommern zwar in den vergangenen Jahren verbessert habe, aber weiterhin erhebliche Probleme bestehen. In einigen Fällen mussten Beschäftigte täglich zwischen zwölf und vierzehn Stunden arbeiten – teilweise sieben Tage die Woche. Wochenarbeitszeiten von über siebzig Stunden seien keine Seltenheit, und gesetzliche Ruhezeiten von elf Stunden würden systematisch ignoriert.

Besonders kritisch ist die Situation beim Lohn: „Auf dem Papier wird der Mindestlohn eingehalten, durch die tatsächliche Mehrarbeit dann aber nicht mehr“, erklärt Olariu. Durch nicht bezahlte Überstunden falle die tatsächliche Bezahlung oft unter das gesetzliche Mindestlohnniveau. Viele Beschäftigte aus Rumänien und Bulgarien lassen aus Unkenntnis ihre Ansprüche verfallen.

Mangelnde Kontrollen und Arbeitsschutzverstöße

Die Initiative Faire Landarbeit kritisiert zudem, dass Arbeitsunfälle teilweise nicht an die zuständigen Stellen gemeldet werden. Dadurch bleiben die Beschäftigten häufig auf den Behandlungskosten sitzen. Gleichzeitig sind die Kontrollen durch die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) des Zolls in der Landwirtschaft deutlich zurückgegangen. Allein in Mecklenburg-Vorpommern sank die Zahl der Kontrollen zwischen 2021 und 2024 von 99 auf nur noch 19.

Verbesserungen bei Unterkünften und neue Herkunftsländer

Gewerkschaften und Beratungsstellen erkennen jedoch auch positive Entwicklungen. Die Situation in den Unterkünften habe sich in den vergangenen Jahren verbessert, betont Olariu. Rolf Hornig von der LMS Agrarberatung in MV erklärt: „Wenn die Bedingungen nicht stimmen, kommen die Leute nicht wieder.“ Viele Betriebe engagieren sich mittlerweile stärker, um gute Bedingungen zu bieten und Stammkräfte zu halten.

Für die Landwirtschaft wird es jedoch immer schwieriger, genügend Helfer für die handarbeitsintensive Ernte zu finden. Etwa 4700 ausländische Saisonarbeiter werden jährlich in MV gezählt – die meisten aus Polen, Rumänien, Bulgarien und der Ukraine. Im vergangenen Jahr trafen Berater erstmals auch Saisonarbeiter aus Usbekistan, die mit Praktikumsverträgen nach Mecklenburg-Vorpommern gekommen waren.

Gewerkschaften verteidigen Mindestlohn für Saisonkräfte

Anja Piehl, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), betont, dass Saisonbeschäftigte „einen unverzichtbaren Beitrag zu unser aller Lebensmittelversorgung in Deutschland“ leisten. Umso problematischer seien Angriffe auf ihre soziale Absicherung. IG BAU-Vorstand Beck lehnt daher Forderungen der Landwirtschaft nach Ausnahmen oder Abschlägen vom Mindestlohn für Saisonarbeitskräfte entschieden ab.

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Rückgang der Anbauflächen in MV

Die steigenden Kosten – unter anderem durch höhere Mindestlöhne – und die schwieriger werdende Anwerbung von Saisonkräften haben bereits Konsequenzen. Im vergangenen Jahr fiel der Spargel- und Erdbeerenanbau in Mecklenburg-Vorpommern auf einen Tiefstand. Die Spargelfläche ging auf 139 Hektar zurück, der Erdbeerenanbau schrumpfte auf 729 Hektar. Vor fünf Jahren waren es noch 166 beziehungsweise 1095 Hektar. Vor allem kleinere Betriebe geben auf, wie Hornig bestätigt.