Schwerin: Suchtberatung in Finanznot trotz hoher Kinderbelastung durch Alkoholsucht
Schwerin: Suchtberatung in Finanznot trotz hoher Kinderbelastung

Schwerin: Suchtberatung kämpft um Finanzierung trotz alarmierender Kinderzahlen

In der Landeshauptstadt Schwerin lebt gut jedes vierte Kind in einem Haushalt mit mindestens einem suchtkranken Elternteil. Dieser Wert liegt deutlich über dem Bundesschnitt, wo jedes fünfte Kind betroffen ist. Die Evangelische Suchtkrankenhilfe Mecklenburg-Vorpommern gGmbH schlägt nun Alarm, da ihre Suchtberatung in akuter Finanznot steckt.

Finanzierungslücke bedroht Beratungsangebot

Der Trägerorganisation fehlen für das laufende Jahr nach eigenen Angaben 65.000 Euro, um 4,5 Fachkräfte zu finanzieren. Diese Stellen sind notwendig, um weiterhin jährlich etwa 800 Betroffene beraten zu können. Geschäftsführerin Katrin Kuphal betont: „Es geht uns sehr darum, dass wir in der Landeshauptstadt bei der höchsten Suchtquote im ganzen Bundesland die 4,5 Fachkräfte erhalten können.“

Besonders bedenklich ist, dass bei knapp 60 Prozent der Süchtigen Kinder im Haushalt leben. Die Suchtberatung will die Finanzierungsfrage daher in den anstehenden Oberbürgermeisterwahlkampf tragen und fordert einen Nachtragshaushalt.

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Schwerin als Alkohol-Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern

Schwerin ist nicht nur die Landeshauptstadt, sondern auch bei der Alkoholsucht die Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Dieses Bundesland hat bereits den höchsten Bevölkerungsanteil an Alkoholabhängigen in Deutschland. In Schwerin liegt das Risiko, alkoholabhängig zu werden, sogar 86 Prozent über dem deutschlandweiten Durchschnitt.

Hochgerechnet auf die Einwohnerzahl war Ende 2023 bei 2300 erwachsenen Schwerinern eine Alkoholabhängigkeit ärztlich diagnostiziert worden. Diese Daten stammen aus einer Auswertung des Instituts für Gesundheitssystemforschung der Krankenkasse Barmer.

Politische Hürden bei der Finanzierung

Eigentlich schien die Förderung für die Suchtberatung bereits gesichert. Die Schweriner Stadtvertretung hatte im April 2024 einen entsprechenden Beschluss gefasst und ihn im September 2024 noch einmal bestätigt. Doch der damalige Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD) legte Widerspruch gegen den September-Beschluss ein und wandte sich gegen zusätzliche Mittel für die Beratungsstelle.

Zwar wiesen die Stadtvertreter den Widerspruch in ihrer Sitzung Mitte November 2025 zurück, seitdem hat sich aber nicht mehr viel getan. Eine Zusicherung der Mittel für 4,5 Stellen im Doppelhaushalt 2027/28 käme für Katrin Kuphal zu spät. Sie verweist darauf, dass die Gesundheitsberatung eine Pflichtaufgabe der Kommune ist.

Alarmierende Zahlen und Folgen für Kinder

Die meisten Süchtigen in Schwerin haben Probleme mit Alkohol. Die Betroffenen sind im Schnitt 42 Jahre alt, wenn sie sich an die Beratungsstelle wenden, und haben schon 20 bis 30 Jahre Missbrauch hinter sich. Das Einstiegsalter für die Sucht liegt bei nur 14 Jahren.

Kinder von Trinkern greifen statistisch häufiger selbst zur Flasche oder erleiden andere Folgeschäden. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sie ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, Entwicklungsverzögerungen und spätere eigene Suchterkrankungen haben.

Veränderte Klientel und Erfolgsquoten

Anders als noch vor 15 Jahren sind heute rund 30 Prozent der Beratungssuchenden berufstätig. Viele weitere befinden sich in Elternzeit oder Rehabilitation. Der Anteil von Hartz-IV- oder Bürgergeldempfängern in der Beratung hat sich dagegen über die Jahre halbiert.

Laut Katrin Kuphal schaffen es zwischen 75 und 90 Prozent der Klienten mit durchschnittlich fünf Beratungsgesprächen, ihren Konsum zu regeln oder ihr Verhalten zu verändern. Ziel sei es immer, die Menschen in Arbeit zu halten oder zu bringen, was auch Steuereinnahmen sichere. Suchtberatung sei somit eine der effektivsten sozialen und volkswirtschaftlichen Maßnahmen.

Ivonne Martensen, Leiterin der Beratungsstelle der Evangelischen Suchtkrankenhilfe MV, gibt zu bedenken: „Es ist immer teurer, wenn jemand in eine Einrichtung kommt.“ Die präventive Beratung stellt daher nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine wirtschaftlich sinnvolle Investition dar.

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