Walforscher warnt vor akuter Gefahr für gestrandeten Buckelwal in Wismar
Ein geschwächter Buckelwal, der sich derzeit in der Wismarbucht aufhält, könnte durch sinkende Wasserstände ernsthaft gefährdet sein. Der Meeresbiologe Boris Culik äußerte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur deutliche Bedenken hinsichtlich des Gesundheitszustands des Meeressäugers.
Kritische Situation durch veränderten Auftrieb
Der Wal hatte sich zunächst bei gestiegenem Wasserstand frei bewegen können, verharrt nun aber wieder länger auf Grund liegend an einer Stelle. Culik, der früher am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel tätig war, erklärte die physikalischen Zusammenhänge: „Es hängt stark vom Auftrieb ab, ob der Wal an der Oberfläche treibt oder nicht.“
Der Ernährungszustand spiele dabei eine entscheidende Rolle:
- Ein gut genährter Wal mit dicker Speckschicht schwimme oben auf
- Ein geschwächter Wal ohne ausreichende Fettreserven sinke ab
- Das spezifische Gewicht im vergleichsweise auftriebsarmen Ostseewasser sei entscheidend
Drohende Organquetschungen bei sinkendem Wasserspiegel
Die aktuelle Wasserstandsentwicklung gibt Anlass zur Sorge. Nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) liegt der Wasserstand in der Lübecker Bucht derzeit noch 35 bis 70 Zentimeter über dem Normalhöhennull. Für die kommenden Tage wird jedoch ein Absinken erwartet.
Culik beschreibt die konkrete Gefahr: „Wenn er jetzt gemütlich mit dem Bauch auf einer Sandbank liegt und oben guckt das Blasloch raus, alles gut. Aber wenn dann 50 Zentimeter weniger Wasser da sind, dann entwickelt er ein unheimliches Gewicht, das dann auf seinen inneren Organen lastet.“
Die anatomischen Besonderheiten der Wale verschärfen die Situation:
- Wale werden normalerweise komplett vom Wasser getragen
- Ihr Skelett ist im Vergleich zum Körpergewicht relativ schwach
- Bei zu geringer Wassertiefe lastet das gesamte Körpergewicht auf den Organen
Zeitdruck für Rettungsmaßnahmen
Der Meeresbiologe appelliert eindringlich an die Rettungshelfer vor Ort: „Wenn der jetzt auf einer Sandbank liegt, wird es höchste Zeit, ihn da wieder wegzubugsieren. Die Retter haben nur wenige Stunden Zeit.“ Besonders gefährdet seien lebenswichtige Organe wie Lunge, Herz und Leber, die durch das enorme Eigengewicht des Wals gequetscht werden könnten.
Culik wies zudem auf ein interessantes Verhaltensmuster hin: Ein geschwächter Wal könne durchaus gezielt stranden, wenn ihm dies das Atmen erleichtere. „Dass er in der Ostsee eine Sandbank aufsucht, um sich zu erholen, kann man sich schon vorstellen“, so der Experte. Diese Strategie könne sich jedoch bei schnell sinkendem Wasserstand als fatal erweisen.
Die Rettungskräfte stehen vor einer komplexen Herausforderung, bei der jede Stunde zählt. Die Entwicklung des Wasserstands in der Wismarbucht wird daher genauestens beobachtet, um den Meeressäuger vor schwerwiegenden inneren Verletzungen zu bewahren.



