Todesschock am See: Vater und Sohn erleben Naturdrama in Neubrandenburg
Der Nordosten Deutschlands wurde in diesen Tagen vom Wetterchaos beherrscht. Eisregen und spiegelglatte Wege machten einer breiten Region zu schaffen. Trotz der widrigen Bedingungen entschied sich eine Familie in Neubrandenburg für einen Ausflug an die frische Luft – eine Entscheidung, die zu einem unvergesslichen und zugleich erschütternden Erlebnis führte.
Ein Naturschauspiel mit zwei Gesichtern
Was für ein Naturschauspiel sich dem Vater und seinem fünfjährigen Sohn bot, als sie von der Rostocker Straße kommend in den Oberbach-Weg einbogen, konnte keiner ahnen. Das Gewässer taute an einigen Stellen langsam auf, während der Gehweg daneben noch immer spiegelglatt war. Die beiden waren fast die einzigen, die sich hinausgewagt hatten.
„Sofort eröffnete sich uns die Sicht auf ein spektakuläres, aber auch morbide anmutendes Naturschauspiel“, berichtet der Vater in seiner Rückkehrer-Kolumne „Ich bin wieder hier“. Stockenten, Silberreiher, Blässhühner, Graureiher und Kormorane waren dicht gedrängt über den Oberbach verteilt. Die leuchtenden Augen und neugierigen Blicke seines Sohnes erfüllten den Vater mit Zufriedenheit und Entspannung.
Die plötzliche Konfrontation mit dem Tod
Dann kam der Zeigefinger des Jungen. „Papa, was ist das? Ist der tot?“ Er zeigte auf regungslose schwarze Lebewesen auf der Oberfläche des Oberbachs. Tote Kormorane. Ein Anblick, der die idyllische Stimmung jäh durchbrach.
Es ist eine komische Ambivalenz, mit seinem Sohn auf Entdeckungsreise in der Natur zu sein, sich am Treiben der Tiere zu erfreuen und plötzlich tote Exemplare sehen und erklären zu müssen. „So sehr uns auch der Satz 'Das ist halt die Natur' tröstet, wird plötzlich ein Fünfjähriger mit dem Tod konfrontiert“, schreibt der Vater.
Die traurige Wahrheit hinter dem Anblick
Der Vater reagierte adäquat, indem er einfach die Wahrheit sagte: Kormorane ernähren sich ausschließlich von Fisch. Wenn Seen, Flüsse oder Küstengewässer zufrieren, finden sie keine Nahrung mehr. Ohne große Fettreserven verhungern und verenden sie innerhalb weniger Tage. Dieser tragische Anblick eröffnete sich den beiden an diesem Samstagvormittag immer wieder.
Jeder Meter des Spaziergangs war voller Überraschungen und imposanter Eindrücke. Formationen von Reihern flogen schnatternd über ihre Köpfe hinweg. Am Rande der langsam auftauenden Eisschollen am Ufer des Tollensesees machten sich Horden verschiedener Vogelarten breit. Dazu Schwäne, die schwimmend am Rande der Seebrücke am Brodaer Strand auf und ab folgten.
Ein wildes Spektakel in 90 Minuten
Optisch bot sich eine melancholische Grau-Romantik, akustisch umschlossen von den Geräuschen der Tiere. „Papa, hier ist keiner außer uns“, konstatierte der Fünfjährige treffsicher und verstärkte damit das Argument des Vaters für den Umzug von Berlin zurück in die Heimat Neubrandenburg.
Auf dem Rückweg beobachteten sie einen erbarmungslos geführten Kampf zwischen zwei Silberreihern auf dem Oberbach. Entenvögel rutschten beim Landen auf dem Eis aus. Und wieder tote Lebewesen auf dem Gewässer – diesmal nicht nur neu entdeckte Kormorane.
Was für ein wildes Spektakel in 90 Minuten. Spannender als jedes Fußballspiel in der gleichen Zeit. Und auch fordernd, denn der Vater wollte seinen Sohn adäquat auffangen, wenn ihn tote Tiere auf dem Eis verständlicherweise beschäftigten.
Zwei wichtige Erkenntnisse
Zwei Erkenntnisse nahm die Familie von diesem Ausflug mit: Gut, dass sie sich rausgetraut und vorsichtige Schritte Richtung See gewagt hatten. Und: Ja, trotz aller Widrigkeiten und Probleme war es richtig, als naturverbundener Mensch mit zwei kleinen Kindern in die Heimat zu ziehen.
Der Vater, der 20 Jahre durch Deutschland getingelt war – von Marburg über Tübingen und Düsseldorf bis nach Berlin – hatte den Entschluss gefasst: Zurück zu den Wurzeln. Dieses Erlebnis am Oberbach bestätigte seine Entscheidung auf eindrückliche, wenn auch teilweise tragische Weise.



