Versunken in Stunden: Das dramatische Ende des Kali-Bergwerks Jessenitz in der Heide
Versunken in Stunden: Das Ende des Kali-Bergwerks Jessenitz

Versunken in Stunden: Das dramatische Ende des Kali-Bergwerks Jessenitz in der Heide

Wer heute durch die graue Heide bei Lübtheen im Landkreis Ludwigslust-Parchin wandert, kann sich kaum vorstellen, dass hier einst eines der modernsten Bergwerke Norddeutschlands stand. Das Kali- und Steinsalzbergwerk Herzog Regent Jessenitz war ein Symbol technischen Fortschritts, bis es 1912 in nur wenigen Stunden im Salz versank – ein Drama, das die Region nachhaltig prägte.

Vom Zufallsfund zur industriellen Blüte

Die Geschichte begann im 19. Jahrhundert mit Bohrungen im Gipsbruch von Lübtheen, die auf Steinsalz stießen – eine Sensation, da solche Lagerstätten bisher nur aus Mitteldeutschland bekannt waren. 1882 starteten die Erkundungen auch in Jessenitz, wo in über 250 Metern Tiefe nicht nur Steinsalz, sondern auch begehrtes Kalisalz gefunden wurde. Dies markierte den Beginn eines kurzen, aber spektakulären Industrieabenteuers in der sogenannten Griesen Gegend.

1886 wagte man den Schachtbau, trotz schwieriger geologischer Bedingungen mit wasserführenden Schichten und moorigen Böden. Unter der Leitung des Ingenieurs Friedrich Hermann Poetsch kam erstmals das neuartige Gefrierschachtverfahren zum Einsatz, bei dem wasserhaltige Schichten künstlich vereist wurden, um sicheres Graben zu ermöglichen. Doch der frostige Schutz hielt den gewaltigen Drücken nicht stand, und der Schacht lief mehrfach voll. Erst 1900 war er bis in 600 Meter Tiefe offen.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Höhepunkt und plötzlicher Untergang

Im Oktober 1900 wurde das Werk feierlich auf den Namen Herzog Regent getauft. Mit einer Förderkapazität von 500 Tonnen täglich und rund 450 Beschäftigten war es eines der größten seiner Zeit. Eine eigene Kalifabrik veredelte das Rohsalz zu Düngemitteln, und Eisenbahnanschluss sowie Telegraf machten Jessenitz zum industriellen Drehkreuz der Region. Die Stimmung war optimistisch, doch das unterirdische Labyrinth barg tödliche Gefahren: Der Salzstock war von wasserführenden Klüften durchzogen.

Ab 1902 bemerkten die Grubenarbeiter erste Laugenzuflüsse – salzhaltige Wässer, die aus Rissen ins Gestein drangen. Zunächst wurden sie einfach abgepumpt, doch 1912 änderte sich alles. Merkwürdiges Knistern und ferne Donnerschläge aus dem Fels kündigten die Katastrophe an. Am 24. Juni 1912 schossen die Zuflüsse plötzlich auf 2.000 Liter pro Minute hoch, und die Grube füllte sich binnen Stunden. Die Bergleute retteten sich gerade noch an die Oberfläche, zurück blieb ein 38 Meter tiefer Salzsee im Schacht – das Werk war ersoffen, wie es im Bergmannsjargon heißt.

Verfüllung und heutiges Erbe

1914 ordnete das Bergamt Hagenow die Verfüllung des Schachts an. Zwei Jahre später war er mit Sand verfüllt und mit Beton verschlossen. Heute erinnern nur noch Akten, einige alte Fotos und die Konturen eines Zauns an das industrielle Abenteuer von Jessenitz. Spätere Generationen deckelten den Schacht mehrfach neu, zuletzt um die Jahrtausendwende, mit einem Sicherheitsradius von 25 Metern.

Das ehemalige Kali- und Steinsalzbergwerk Jessenitz steht sinnbildlich für die erste Welle der deutschen Salzindustrie außerhalb Mitteldeutschlands. Es zeigt, wie viel technische Innovation – und Risiko – in der Provinz steckte. Heute forschen Geologen wieder am Salzstock Lübtheen-Jessenitz, nicht mehr zur Förderung, sondern als möglichen Speicher für Gase und Energie. Die Geschichte von Aufbruch und Untergang in der stillen Heide bleibt ein mahnendes Beispiel für die Vergänglichkeit industrieller Träume.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration