Jahrzehntelang wurden an der Müritz Rettungsboote für die Weltmeere gebaut. Dass die Werft Rechlin nach der Wende unterging, habe wehgetan, sagt Jürgen Krämer, der ehemalige Chef. Der 90-Jährige blickt mit Wehmut auf sein Lebenswerk zurück.
Vom Assistenten zum Direktor
Jürgen Krämer kam Anfang der 1960er Jahre nach Rechlin, nachdem er sein Studium der Ingenieurökonomie an der Universität Rostock abgeschlossen hatte. Schon nach einem halben Jahr wurde er Ökonomischer Direktor auf der Werft, 1964 übernahm er die Leitung als Werftdirektor – eine Position, die er bis 1990 innehatte.
Unter seiner Führung wuchs die Belegschaft von 400 auf über 1100 Mitarbeiter. Die Werft spezialisierte sich auf den Bau von Rettungsbooten aus Aluminium und später aus glasfaserverstärktem Polyester. Auch militärische Wasserfahrzeuge wie Grenzsicherungsboote und Torpedoschnellboote wurden hier gefertigt.
Ein Betrieb mit Herz und Seele
Die Werft war mehr als ein Arbeitsplatz: Es gab eine Betriebsgaststätte, die für Tanzabende und Konzerte genutzt wurde, eine Sanitätsstelle mit Betriebs- und Zahnarzt, eine Lebensmittelverkaufsstelle und sogar eine Bungalowsiedlung für die Freizeitgestaltung. Krämer förderte eine Blaskapelle, die Tanzband „Synchron“, einen Keramikzirkel und die Betriebssportgemeinschaft „Motor Rechlin“. Er selbst spielte Volleyball, machte den Segelschein und war begeisterter Kegler.
„Ich habe versucht, jedem zu helfen“, sagt Krämer. Viele Mitarbeiter suchten abends seinen Rat. Die Werft war das Herz der Region und zog Arbeiter aus dem gesamten Umland an.
Der schmerzhafte Niedergang
Mit der Wende kam das abrupte Aus. Trotz großen Know-hows und Demonstrationen der Belegschaft für den Erhalt wurde der Betrieb nach der Privatisierung zerschlagen und abgewickelt. Krämer selbst wurde 1990 bei einer Gewerkschaftsversammlung abgewählt – ein Ende, das er nur schwer verkraften konnte. Jahrelang mied er das alte Werftgelände.
„Maßlos enttäuschend“ nennt er die Entwicklung. Dennoch fand er neue Aufgaben: Er half beim Aufbau der Geschäftsstelle des Arbeitgeberverbandes in Neubrandenburg und begleitete später den Abzug der sowjetischen Streitkräfte vom Flugplatz Rechlin-Lärz. Als Geschäftsführer der Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft bereitete er den Flugplatz für die zivile Nutzung vor.
Ein Leben in Ehren
Heute hat Krämer seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht. Er wurde zum Ehrenbürger Rechlins ernannt. „Egal, welche Gesellschaftsordnung – Jürgen Krämer hat unglaublich viel für die Müritzgemeinde geleistet“, lobte Bürgermeister Wolf-Dieter Ringguth anlässlich Krämers 90. Geburtstags.
Mit seiner Frau Renate, die er 1963 heiratete, hat er Höhen und Tiefen gemeistert. Sie hielt ihm den Rücken frei, während er sich auf die Werft konzentrierte. Das Paar hat drei Kinder, mehrere Enkel und seit 2019 einen Urenkel.
Trotz seines Alters bleibt Krämer aktiv: Er fährt häufig mit dem dreirädrigen E-Bike. Sein größter Wunsch ist Frieden in einer „verrückten Welt“. Sein Lebenswerk aber bleibt die Schiffswerft Rechlin – mit Stolz und Wehmut.



