Du hast es nicht geschafft, Timmy. Ein Nachruf von BILD-Reporter Henning Schaffner.
Der einsame Kampf eines Wals
Möwen haben sich des toten Wales bemächtigt. BILD-Reporter Henning Schaffner ist wehmütig. Wir haben mit Dir gelitten, gekämpft und gehofft. Wir wollten Dir helfen, nach Hause zu finden: zurück in die Weiten des Ozeans. Doch es gab keinen Weg zurück. Was bleibt, ist nicht nur Dein Körper, aus dem alles Leben gewichen ist. Es bleibt die Geschichte eines Tieres, das sich in unsere Welt verirrt hat. Und vielleicht genau deshalb sterben musste.
Gibt es gute Tage, um zu sterben? Sicher nicht. Es ist kalt, nur manchmal traut sich die Sonne durch die Wolken. Der Frühling ist noch nicht wirklich gekommen. Und die Hoffnung, dass Timmy es überlebt, ist gegangen.
Ein Netz wurde ihm zum Verhängnis
Schon, als Du das erste Mal im März an der Ostseeküste aufgetaucht bist, flogen Dir die Herzen zu. Man wusste sofort, dass es Dir nicht gut ging. Eingewickelt in ein Netz, schwimmend in einem Meer, das nicht Dein Zuhause ist. Als wärest Du gekommen, um die Menschen um Hilfe zu bitten. Dein dumpfes Stöhnen, Dein tiefes Brummen, es klang wie entsetzliche Schreie: „Bitte befreit mich! Es ist Euer Netz!“
Die Menschen hörten Dein Klagen, und alle packten an. Versuchten zu helfen. Entfernten Netz und Schnüre, so weit es ging, und als Du den Weg aus der Bucht zurück in die Ostsee gefunden hattest, hofften alle auf ein Happy End. Doch schon gut drei Wochen später warst Du wieder da. Gestrandet auf einer Sandbank am Timmendorfer Strand.
Der Reporter dokumentierte das Sterben
Dort sah ich, der BILD-Reporter, Dich zum ersten Mal. Du lagst einfach da, nicht weit vom Strand. Majestätisch, erhaben – und vollkommen hilflos. Die Töne, die Du von Dir gabst, waren kein Gesang. Sie waren pures Leid.
Die Menschen nannten Dich Timmy, ein Journalist hat sich den Namen ausgedacht. Andere gaben Dir den Namen Hope – Hoffnung. Ich konnte das nicht. Ich wollte es nicht. Hätten wir gemeinsam schöne Dinge erlebt, hätte ich einen Namen für Dich. Wir hatten keine schönen Momente. Ich habe Dein Sterben dokumentiert, Du leidender Wal.
Viele Rettungsversuche blieben erfolglos
Retter, Meeresbiologen, Tierärzte, Wissenschaftler und Baggerfahrer haben tagelang bis in die Nacht für Dich gekämpft. „Nur noch zehn Meter, dann bist Du frei“, sagten sie einmal. Am nächsten Morgen die Überraschung: Du hattest Dich in der Nacht befreit und warst verschwunden. Niemand bekam es mit. Als hättest Du nur auf diesen Moment gewartet.
Du hast den Weg nach Hause nicht gefunden. Du kamst wieder zurück, diesmal nach Wismar. Wir wissen nicht, warum. Wieder eine Sandbank, wieder schien es, als könntest Du Dich selbst befreien, wieder war die Hoffnung trügerisch.
Der letzte Versuch scheiterte
Mithilfe der Multimillionäre Karin Walter-Mommert und Walter Gunz kam die Hoffnung zurück. Experten wurden eingeflogen, Ideen durchgespielt. Bis der Millionen-Plan stand: In einer Barge sollte Timmy seine Heimreise in den großen Ozean antreten. In der Nordsee wird das geschwächte Tier freigelassen – doch die Schiffsbesatzung zog es allein durch, kein Experte war dabei. Timmy verschwand, viele Fragen blieben. Warum sendet der Tracker nicht richtig? Warum gibt es keine Informationen über die Aktion?
Und dann bist Du wieder aufgetaucht. Anders als gehofft: Vor der dänischen Insel Anholt trieb Dein toter Körper im Wasser. Eine Untersuchung hat eindeutig ergeben: Timmy hat es nicht geschafft. Nicht zurück in den Atlantik, nicht zurück ins Leben. Sein 200 Kilo schweres Herz hörte auf zu schlagen. Woran es am Ende lag, müssen Untersuchungen zeigen. War es der Stress, waren es Krankheiten? Oder gar die unsachgemäße Freilassung? Am Ende war es aber der Mensch. Und vielleicht wolltest Du gar nicht gerettet werden. Vielleicht war Dein Besuch bei uns eine Mahnung: „Seht her! Das ist Euer Netz, das ist unser Meer, und das war mein Leben.“ Ich wünschte, die Menschen würden Deine Botschaft verstehen. Dann wärst Du nicht umsonst gestorben.



