Beinahe-Katastrophe im AKW Lubmin: Wie die DDR nur knapp einem Atom-GAU entging
Lubmin bei Greifswald war der Standort des Kernkraftwerks Bruno Leuschner, das auch als Kernkraftwerk Lubmin oder Kernkraftwerk Nord bekannt war. Es handelte sich um das größere der beiden in der DDR betriebenen Atomkraftwerke, dessen erste vier Blöcke ab 1974 schrittweise in Betrieb gingen. Zusammen deckten sie zeitweise rund zehn Prozent des gesamten DDR-Strombedarfs ab, bevor die Anlage nach der Wende stillgelegt wurde.
Die Standortwahl und ihre Hintergründe
Bereits in den 1960er-Jahren fiel die Entscheidung für Lubmin als Standort, vereinbart zwischen der DDR und der Sowjetunion. Der Ort bot handfeste Vorteile: reichlich Kühlwasser aus der Ostsee, eine vergleichsweise geringe Besiedlung in der Umgebung und ausreichend Platz für ein derartiges Großprojekt. Trotz der Entfernung zu vielen großen Industriezentren wurde das Kraftwerk errichtet – später waren sogar Erweiterungen um weitere Blöcke geplant, die sich jedoch durch Liefer- und Qualitätsprobleme erheblich verzögerten.
Der kritische Kabelbrand von 1975
Am 7. Dezember 1975 ereignete sich der Zwischenfall, der bis heute als der gefährlichste gilt. Bei Elektroarbeiten kam es zu einem Kurzschluss, der kurz darauf in einem zentralen Kabelbereich zu Feuer und Rauchbildung führte. Betroffen waren Leitungen, die Strom und wichtige Signale innerhalb des Kraftwerks transportierten. Dadurch waren zentrale Funktionen zeitweise eingeschränkt – insbesondere jene, die nach einer Abschaltung benötigt werden, um einen Reaktor sicher herunterzufahren.
Die Automatiksysteme fuhren den Reaktor zwar herunter, doch die Situation blieb äußerst heikel. Entscheidend war, dass eine Kühlmöglichkeit weiterlief, weil sie anders angeschlossen war als die übrigen Systeme. Dies verschaffte wertvolle Zeit, um Gegenmaßnahmen zu organisieren. Die Werkfeuerwehr brachte den Brand unter Kontrolle, und die Mannschaft stellte die Versorgungsleitungen provisorisch wieder her.
Parallelen zu Harrisburg und historische Einschätzungen
In der Fachliteratur wurde der Beinahe-Unfall von 1975 auch mit dem US-Störfall von Three Mile Island bei Harrisburg im Jahr 1979 in Verbindung gebracht. Der Historiker Sebastian Stude zitiert dazu die Einschätzung der ostdeutschen Geheimpolizei, dass das Kraftwerk am Greifswalder Bodden damals nur knapp an einer nuklearen Katastrophe vorbeigeschrammt sei – wie sie sich dann in ähnlicher Weise im Frühjahr 1979 im US-Kernkraftwerk Three Mile Island ereignete.
Der Katastrophenwinter 1978/79: Ausnahmezustand in Lubmin
Im Winter 1978/79 spielte Lubmin eine völlig andere Rolle. Während extreme Schneefälle und Eis vielerorts Transporte lahmlegten, konnten zahlreiche Braunkohlekraftwerke nur gedrosselt arbeiten oder fielen komplett aus – die Kohle kam nicht an oder fror unterwegs fest. Das Kernkraftwerk Greifswald lieferte in dieser Zeit über Tage hinweg Strom mit hoher Leistung und war zeitweise eines der wenigen großen Kraftwerke, die stabil ins Netz einspeisten.
Ab dem 13. Februar 1979 zogen erneut heftige Schneestürme über den Norden der DDR. Straßen und die Bahnverbindung zum Kraftwerk wurden so stark verweht, dass das Werk praktisch von der Außenwelt abgeschnitten war. Im Kraftwerk selbst befand sich gerade eine große Nachtschicht im Dienst – ungefähr 1000 Menschen, die am Morgen des 14. Februar eigentlich hätten abgelöst werden sollen.
Doch die Ablösung kam nicht durch. Unter Schichtleiter Manfred Haferburg arbeiteten die Menschen weiter: zunächst 50 Stunden, dann noch länger, bis viele an ihre Grenzen stießen. Erst am 16. Februar gelang es, die erste Ablösung per Armeehubschrauber einzufliegen – pro Flug passten nur wenige Passagiere. Damit die Hubschrauber überhaupt landen konnten, wurde auf einem Werksparkplatz improvisiert: Um Landeplätze freizubekommen, riss man dort sogar Lichtmasten um.
Abschaltung und komplexer Rückbau
In den 1980er-Jahren wurden Instandhaltung und Modernisierung immer wieder diskutiert; nach 1989/90 folgten umfassende Prüfungen. 1990 wurden die Blöcke 1 bis 4 schrittweise abgeschaltet, wobei Block 1 zuletzt noch bis Dezember 1990 zur Fernwärmeversorgung lief. Seit 1995 läuft der Rückbau – länger als der eigentliche Betrieb dauerte. Und er bleibt anspruchsvoll: Zeitpläne und Kosten mussten mehrfach nach oben korrigiert werden.
Fazit: Eine Geschichte von Glück und Können
Lubmin steht für zwei Seiten derselben Geschichte: für Versorgungssicherheit in einer Ausnahmelage wie dem Winter 1978/79 – und für Momente, in denen es sehr knapp wurde, etwa beim Kabelbrand 1975. Der Glücksfaktor spielte dabei eine Rolle, aber er erklärt nicht alles. Mindestens genauso wichtig waren Einsatz, Erfahrung und die richtigen Entscheidungen der Menschen im Leitstand und in den Werktrupps: schnelles Handeln, klare Prioritäten und funktionierende Zusammenarbeit unter Stress.
Und die Geschichte ist noch nicht vorbei: Wie der Nordkurier berichtet, wurde beim Rückbau auf dem Gelände teils eine höhere radioaktive Belastung als erwartet festgestellt. Dies erschwert Arbeiten, kann Zeitpläne verschieben und die Kosten weiter erhöhen – ein spätes Echo eines Kraftwerks, das die DDR einst als Zukunftsprojekt plante.



