Die Anklam-Lassaner Kleinbahn: Napoleons Erbe und 50 Jahre Eisenbahngeschichte
Anklam-Lassaner Kleinbahn: Napoleons Erbe und Geschichte

Die vergessene Bahnstrecke: 50 Jahre Anklam-Lassaner Kleinbahn

Nur noch wenige Zeitzeugen können sich an fahrende Züge der Anklam-Lassaner Kleinbahn erinnern. Die Bahnstrecke wurde bereits im Spätsommer 1945 stillgelegt, doch zuvor prägte sie ein halbes Jahrhundert lang den Lassaner Winkel. Ein gut besuchter Vortrag des Eisenbahnhistorikers Wolf-Dietger Machel im Anklamer Ritz beleuchtete jetzt die faszinierende Geschichte dieser regionalen Verkehrsader.

Fehlplanungen und unerwartete Entwicklungen

Die Kleinbahn transportierte nicht nur zwischen Anklam und Lassan, sondern verfügte ursprünglich auch über einen Abzweig von Krenzow über Rubkow, Buggow und Wahlendow nach Buddenhagen. Diese Strecke erwies sich jedoch als grundlegende Fehlplanung, wie Machel in seinem Vortrag darlegte. Die Planer hatten offenbar angenommen, dass die Lassaner Bevölkerung vorrangig ihre damalige Kreisstadt Greifswald besuchen wollte, was mehrere Umstiege erfordert hätte.

Stattdessen bevorzugten die Reisenden die Fahrt nach Anklam, der damaligen „Hauptstadt“ des gleichnamigen Kreises. Diese knapp 20 Kilometer lange Bahnreise dauerte etwa anderthalb Stunden. Während die ALKB damals quasi die Aufgaben des heutigen öffentlichen Personennahverkehrs übernahm, spielte der Güterverkehr insbesondere zur Erntezeit eine wesentlich größere Rolle.

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Napoleons Einfluss auf Pommerns Bahnnetz

Der Güterverkehr konzentrierte sich vor allem auf den Transport von Zuckerrüben von den umliegenden Gütern zur 1883 eröffneten Anklamer Zuckerfabrik. Diese wirtschaftliche Bedeutung der Zuckerrübe führt historisch direkt zu Napoleon Bonaparte. Der französische Kaiser verhängte 1806 die sogenannte Kontinentalsperre, die den Import britischer Handelsgüter wie Rohrzucker blockierte.

Diese Maßnahme führte zu einem verstärkten Anbau von Zuckerrüben in Pommern und zur Errichtung mehrerer Zuckerfabriken in der Region, unter anderem in Loitz und Jarmen. Die wirtschaftliche Bedeutung dieses Rohstoffs war so groß, dass die Kleinbahnstrecke sogar über die Peene hinweg bis in den Anklamer Hafen gebaut wurde.

Das dichteste Kleinbahnnetz Deutschlands

Dank des 1882 in Kraft getretenen Kleinbahngesetzes entstanden in dieser Zeit überall in Pommern ähnliche Bahnstrecken. Die bis dahin verkehrstechnisch nur wenig erschlossene preußische Provinz entwickelte sich zum Region mit dem dichtesten Kleinbahnnetz im gesamten Deutschen Reich, wie der „Wirtschafts- und verkehrsgeographische Atlas von Pommern“ aus dem Jahr 1934 dokumentiert.

Die meisten dieser Projekte wurden mit Wohlwollen betrachtet, da die Unterhaltung der Chausseen den Kreisen kontinuierlich hohe Kosten verursachte. Wolf-Dietger Machel zitiert in seinem umfassenden Buch zur ALKB den Stettiner Landesrat Johannes Sarnow, der diese wirtschaftliche Logik seinerzeit prägnant zusammenfasste.

Konkurrenz und besondere lokale Gegebenheiten

Interessanterweise lieferten die Lassaner Ackerbürger ihre Zuckerrüben zunächst nicht nach Anklam, sondern per Schiff in die Zuckerfabrik von Bredow bei Stettin. 1894 sollen dort schätzungsweise 50.000 Zentner (2.500 Tonnen) Zuckerrüben verladen worden sein. Im gleichen Jahr wurde sogar der Lassaner Hafen ausgebaggert, um größere Schiffe beladen zu können.

Diese Investition erfolgte, obwohl bereits bekannt war, dass nur ein Jahr später eine Kleinbahnverbindung ins wesentlich näher gelegene Anklam eröffnet werden sollte. Machel erwähnt in diesem Zusammenhang, dass in Lassan sogar der Bau einer eigenen Zuckerfabrik diskutiert wurde. Wie ernsthaft diese Pläne verfolgt wurden, lässt sich heute nur schwer einschätzen.

Allerdings reagierte die Anklamer Zuckerfabrik 1897 mit dem Bau einer zweiten Produktionsstätte auf ihrem Gelände, um konkurrierende Unternehmen in der Region zu verhindern. Diese strategische Entscheidung unterstreicht die wirtschaftliche Bedeutung, die der Zuckerrübenverarbeitung in der Region zugemessen wurde.

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Ein idyllisches Erbe

Heute erinnern nur noch vereinzelte Spuren an die einstige Bahnstrecke. Der idyllische Pfad zwischen Buggow und Wahlendow, auf dem einst die Züge der ALKB ratterten, lädt heute zum Spazierengehen ein. Die Geschichte dieser Kleinbahn verbindet lokale Verkehrsentwicklung mit globalen politischen Entscheidungen und zeigt, wie wirtschaftliche Interessen Infrastrukturprojekte über Jahrzehnte prägten.