Cap-Arcona-Katastrophe: Tausende KZ-Häftlinge starben am 3. Mai 1945
Cap-Arcona-Katastrophe: Tausende starben am 3. Mai 1945

Fünf Tage vor Kriegsende wurde die „Cap Arcona“ in der Lübecker Bucht von britischen Piloten für einen Truppentransporter gehalten. In vier Angriffswellen wurde das requirierte Passagierschiff von den Jagdbombern in Brand geschossen. 7000 Menschen starben.

Hintergrund der Katastrophe

Am Wochenende jährt sich eines der größten Massensterben auf See in den letzten Kriegstagen. Tausende KZ-Häftlinge aus Neuengamme, aus Außenlagern und von Todesmärschen waren Ende April 1945 vor den heranrückenden britischen Truppen fortgebracht worden. Viele hatten Haft, Zwangsarbeit, Hunger und Misshandlungen überlebt. Am 3. Mai 1945 starben tausende von ihnen in der Ostsee – verbrannt, ertrunken oder auf der Flucht erschossen.

Zwischen dem 21. und 26. April transportierte die SS etwa 10.000 Häftlinge aus dem KZ Neuengamme nach Lübeck. Im Vorwerker Hafen wurden sie auf mehrere Schiffe verladen. Die Bedingungen waren katastrophal. Die Menschen lagen dicht gedrängt in Laderäumen und Kabinen, bekamen kaum Wasser und zu wenig Nahrung. Viele starben schon vor dem Angriff. Ein ehemaliger Häftling aus den Niederlanden hielt später fest: „Es gab kein Wasser, keine Toilette, alles starrte voller Dreck.“

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Letzte Tage vor der Freiheit

Die Gefangenen kamen aus vielen Ländern Europas. Sie waren aus dem Stammlager Neuengamme, aus Außenlagern und aus Transporten der letzten Kriegstage zusammengezogen worden. Manche waren in überfüllten Güterwagen nach Norden gebracht worden, andere auf Todesmärschen. Als sie die Schiffe erreichten, waren viele am Ende ihrer Kräfte. Was mit ihnen geschehen sollte, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

In der Lübecker Bucht und im Hafen wurden sie auf mehrere Schiffe verteilt. Die manövrierunfähige Cap Arcona lag vor Anker, die Frachter Thielbek und Athen wurden ebenfalls einbezogen, zeitweise auch die Elmenhorst. Die Gefangenen wurden zwischen diesen Schiffen verlegt, umgeladen, zusammengepfercht. Die Haft setzte sich auf dem Wasser fort.

Verladung und Zwang an Bord

Die Cap Arcona war 1927 als Passagierschiff vom Stapel gelaufen und gehörte vor dem Krieg zu den bekanntesten deutschen Ozeandampfern. Seit dem 14. April 1945 lag sie wegen eines Maschinenschadens manövrierunfähig vor Anker. Als die SS Neuengamme räumte, wurde sie zum Gefangenenschiff. Kapitän Heinrich Bertram weigerte sich zunächst, Gefangene an Bord zu nehmen. Erst unter massiven Drohungen gab er nach. Der 2. Steuermann Thure Dommenget berichtete, Bertram habe gesagt: „Ich habe eine Frau und zwei Kinder, und aus diesem Grunde werde ich den Befehlen des Wahnsinns Folge leisten.“

Auch auf der Thielbek, einem Frachtschiff, das in Lübeck zur Reparatur lag, wurden Gefangene unter Gewaltandrohung an Bord gebracht. Ihr Kapitän John Jacobsen hatte sich ebenfalls gewehrt. Die Athen diente zunächst als Zubringer und pendelte mehrfach zwischen Lübeck und der vor Anker liegenden Cap Arcona, weil deren Besatzung die Übernahme zunächst verweigerte. Schließlich brachte sie tausende Menschen hinaus. Am 30. April nahm sie von der völlig überfüllten Cap Arcona wieder rund 2000 Menschen zurück.

Die Lage spitzt sich zu

Die Zustände auf den Schiffen verschärften sich von Tag zu Tag. In den Laderäumen herrschten extreme Enge, Mangel und Gestank. Ein Beobachter beschrieb, die Gefangenen hätten „in den Laderäumen und an Deck dicht zusammengepfercht“ gelegen; auf dem Achterdeck und an Land habe er Leichen gesehen. Zeitweise befanden sich auf der Cap Arcona über 7000 Menschen. Anfang Mai waren es dort noch etwa 4600, auf der Thielbek etwa 2800, auf der Athen rund 2000.

Am 2. Mai wurde die Thielbek aus dem Lübecker Hafen in die Bucht geschleppt. Kurz darauf lagen dort mehrere Schiffe mit zusammen mehr als 9000 Gefangenen. Am 3. Mai lief die Athen in den Neustädter Hafen ein, um weitere Menschen zu übernehmen. Diese Verlegung rette vielen Menschen an Bord das Leben, weil die Athen dadurch dem Hauptangriff auf die draußen liegenden Schiffe entging.

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Nacht und Morgen des 3. Mai

In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai erreichten Barkassen und Schleppkähne mit Gefangenen aus dem KZ Stutthof die Küste bei Neustadt. Es handelte sich um die antriebslosen Fahrzeuge Vaterland und Wolfgang, auf denen Männer, Frauen und Kinder transportiert wurden, überwiegend Juden, daneben weitere Häftlinge. Sie sollten ebenfalls auf die Schiffe in der Bucht gebracht werden. Dazu kam es nicht mehr, weil dort bereits Überfüllung herrschte.

Die SS kappte in der Bucht die Schlepptrossen und ließ die Fahrzeuge treiben. Sie strandeten zwischen Neustadt und Pelzerhaken. Die Menschen an Bord hatten über Tage kaum Nahrung erhalten. Als am frühen Morgen des 3. Mai die kräftigeren unter ihnen an Land gingen und nach Essen suchten, begann eine regelrechte Menschenjagd. Neustädter Bürger, Marineangehörige, Volkssturm und weitere bewaffnete Kräfte trieben die Gefangenen zusammen. Bereits auf den Fahrzeugen wurden Menschen erschossen, andere nach der Landung.

Morde vor dem Luftangriff

Die Gefangenen wurden am Ufer aufgegriffen, zurückgedrängt, zusammengetrieben und auf einen Kasernensportplatz gebracht. Fast 300 von ihnen wurden erschossen, darunter Frauen und Kinder. Diese Morde geschahen in den frühen Morgenstunden, noch bevor die britischen Flugzeuge Cap Arcona und Thielbek angriffen.

Die strafrechtliche Aufarbeitung blieb bruchstückhaft. Ermittlungen zu den Morden an den Stutthof-Häftlingen wurden später eingestellt. Eine gerichtliche Aufarbeitung fand nicht statt.

Der Angriff am Nachmittag

Die Royal Air Force flog am Nachmittag des 3. Mai mit Jagdbombern vom Typ Hawker Typhoon einen Großangriff auf Schiffe in der Lübecker und Kieler Bucht. Ziel war es, eine vermutete Absetzbewegung deutscher Truppen und Funktionsträger über die Ostsee zu verhindern. Die eingesetzten Staffeln hielten die Schiffe für militärische Transporte. Dass sich auf mehreren von ihnen KZ-Häftlinge befanden, war den Piloten offenbar nicht bekannt.

Britische Stellen waren bereits am 2. Mai darüber informiert worden, dass sich Gefangene auf Schiffen in der Bucht befanden. Diese Nachricht erreichte die beteiligten Fliegerverbände jedoch nicht. Eine umfassende juristische Aufarbeitung blieb aus.

Feuer, Kälte und Panik

Die Cap Arcona wurde in mehreren Angriffswellen getroffen und brannte in kurzer Zeit aus. Die Thielbek wurde fast gleichzeitig außer Kontrolle geschossen, geriet in Brand und sank nach etwa 15 Minuten. Die Athen wurde zwar ebenfalls beschossen und getroffen, aber nicht versenkt, weil sie im Hafen lag. Auch das fast 200 Meter lange Passagierschiff Deutschland wurde an diesem Tag angegriffen und versenkt; auf ihr befanden sich keine KZ-Häftlinge.

Auf Cap Arcona und Thielbek waren viele Gefangene unter Deck eingeschlossen oder fanden in Panik keinen Ausweg. Andere erreichten das Oberdeck erst, als Flammen und Rauch bereits den Weg abschnitten. Wer ins Wasser sprang, hatte kaum Aussicht, lebend ans Ufer zu kommen. Die Ostsee war nur etwa acht Grad kalt, das Ufer mehrere Kilometer entfernt. Ein Überlebender schrieb später: „Im Wasser, neben dem Schiff herrschte eine unbeschreibliche Panik.“

Rettung kam zu spät

Zahlreiche Berichte halten fest, dass Überlebende im Wasser beschossen wurden. Die Rettungsmaßnahmen liefen spät an. Boote kümmerten sich zunächst vor allem um Marineangehörige. Für die meisten Gefangenen kam Hilfe zu spät.

Rund 6400 der etwa 7000 Menschen auf Cap Arcona und Thielbek starben bei Angriff und Untergang; in der Gesamtschau des 3. Mai ist häufig von rund 7000 Toten die Rede. Insgesamt überlebten nur etwa 400 Menschen. Unter ihnen waren spätere bekannte Namen wie der Schauspieler Erwin Geschonneck, der Komponist des Moorsoldaten-Liedes Rudi Goguel oder der Autor Sam Pivnik. Für die große Mehrzahl endete der Weg aus dem Konzentrationslager in den kalten Fluten der Ostsee, wenige Stunden vor dem Eintreffen britischer Truppen.

Erinnerung auch in Mecklenburg-Vorpommern

Die Folgen des 3. Mai reichten weit über die eigentliche Unglücksstelle hinaus. Viele Tote wurden an Küsten in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern angespült, auch bis nach Groß Schwansee und auf die Insel Poel. In Grevesmühlen entstand später die zentrale Gedenkstätte für die an die Küste der DDR getriebenen Opfer.

Bis heute wird in Mecklenburg-Vorpommern an mehreren Orten an die Katastrophe erinnert. Viele Opfer konnten identifiziert werden, viele andere nicht. Für tausende blieb die Ostsee die letzte Ruhestätte.