Flucht 1945 von der Ostsee: Der letzte Zettel des Bruders mit der Botschaft für Portugal
Flucht 1945: Letzter Zettel des Bruders mit Portugal-Botschaft

Flucht von der Ostsee 1945: Die letzte Nachricht des Bruders auf einem Zettel

Die Erinnerungen der Zeitzeugin Elisabeth Schlaak an den März 1945 sind bis heute lebendig. Die heute hochbetagte Frau blickt zurück auf Bomben, endlose Trecks und die dramatische Flucht von der Ostseeinsel Wollin. Ein einfacher Zettel ihres Bruders Eberhard wurde dabei zur letzten Nachricht vor seinem tragischen Tod.

Der Treck steht bereit: Die Flucht beginnt

Am 3. März 1945 steht der bepackte Treckwagen vor dem Haus der Familie Schlaak in Wollin. Anton, der polnische Helfer der Familie, hat eilig ein Gestell gebaut und einen Teppich als Schutzdach darüber gespannt. Von der nahen Front am Ostufer der Dievenow erreicht die Familie eine dringende Nachricht von Bruder Eberhard: Sie sollen sofort aufbrechen.

Eberhard Schlaak, gerade 19 Jahre alt und zum Leutnant befördert, hatte sich von einem Lazarett in der Tschechoslowakei nach Swinemünde verlegen lassen. Die Stadt war zur Festung erklärt worden, und Verwundete, die noch eine Waffe tragen konnten, wurden an die näher gerückte Front geschickt. Eberhard musste eine Einheit aus Volkssturmmännern und Hitlerjungen im Alter von 14 bis 16 Jahren übernehmen – das letzte Aufgebot des untergehenden Regimes.

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Die Mutter will aufräumen, der Bruder schickt die letzte Botschaft

Während die Front immer näher rückte und Geschützdonner zu hören war, zögerte Mutter Klara Schlaak. Sie wollte nicht gehen, bevor sie nicht das Geschirr gewaschen und die Küche aufgeräumt hatte. Die im Haus einquartierten Soldaten drängten die Familie immer wieder, endlich zu verschwinden. Doch die Schwestern Elisabeth und Margret wollten unbedingt noch die angekündigte Rede des Führers hören, in der er über eine neue Waffe sprechen wollte, die den Endsieg bringen sollte.

„Daran glaubte aber niemand mehr, meine Mutter schon gar nicht“, erinnert sich Elisabeth Schlaak. Am letzten Abend, an dem Eberhard zu Hause war, saß die Familie mit den Soldaten bei Kerzenschein zusammen. Plötzlich klopfte es am Fenster – der Einsatzbefehl für den Bruder war eingetroffen.

„Weinet nicht um mich, auf Wiedersehen in Portugal“

Als die Familie am nächsten Morgen aufbrach, fanden sie auf dem Schreibtisch des Vaters einen Zettel von Eberhard: „Weinet nicht um mich, auf Wiedersehen in Portugal.“ Wahrscheinlich wusste der junge Offizier bereits, dass sie sich nie wiedersehen würden. Die Worte wurden zur letzten Botschaft an seine Familie.

Der Treck setzte sich in Bewegung, der Nachthimmel war klar und mit Sternen übersät. Doch schon bald zeigte sich, dass die Flucht nur langsam vorankam. Plötzlich überholten Soldaten die Familie – es waren Hitlerjungen, die man aus der Frontlinie bei Wollin abgezogen hatte. Ein Bekannter erzählte noch etwas von Eberhard, der sie zurückgeschickt habe.

Die tragische Wahrheit über Eberhards Tod

Die Familie sollte nie erfahren, wann und wo Eberhard genau gefallen ist. Erst fast 60 Jahre später erfuhr Elisabeth Schlaak von einem Wolliner die ganze Geschichte: Eberhard hatte seine Jungs nach Hause geschickt. Er wollte im letzten Boot über die Dievenow setzen, merkte aber, dass noch einige Männer seines Zuges auf der Frontseite waren. Er kehrte um, um sie zu holen – und fiel dabei.

„Seine ihm aufgebürdete Aufgabe war hoffnungslos“, sagt Elisabeth Schlaak. „Allein mit Volkssturm, HJ und ein paar Panzerfäusten war der Brückenkopf an der Dievenow nicht zu halten.“

Die Flucht geht weiter: Swinemünde brennt

Während die Familie mit ihrem Treck kaum vorankam, gingen die Schwestern zu Fuß weiter. An der Fähre in Ostswine stauten sich die Flüchtlingszüge. Am 12. März 1945 erreichten sie Swinemünde, wo sie bei Freunden notdürftig unterkamen. Es sollte ein schwarzer Tag für die Stadt werden.

Kurz hinter Ostswine hörten sie die Flugzeuge, die nach Swinemünde flogen, um den verheerenden Großangriff zu starten. Bei dem Bombardement kamen zwischen 4000 und 6000 Menschen ums Leben. Auf dem Rückweg von einem erfolglosen Versuch, auf der Kommandantur in Dargebanz etwas über Eberhards Schicksal zu erfahren, sahen die Schwestern die Zerstörungen: tote Pferde der Flüchtlinge, zerfetzte Menschen, zerstörte Häuser.

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Trennung und Neuanfang

Die Flucht führte die Familie weiter nach Pudagla auf Usedom, wo sie bei Bekannten unterkamen. Als Vater Willy Schlaak, der beim Volkssturm eingesetzt war, endlich zu ihnen stieß, beschlossen sie, mit dem Treckwagen weiterzuziehen. Doch der Vater durfte sie nicht begleiten – er musste zurück an die Front.

Die Mutter blieb zurück, um auf den Vater zu warten, während die Schwestern mit jungen Soldaten weiterzogen. Das Bild der Mutter auf der Landstraße, die sie ziehen ließ, sollte Elisabeth Schlaak nie vergessen. Nach gefährlichen Begegnungen mit Wehrmachtsstreifen und der ständigen Bedrohung durch Tiefflieger erreichten die Schwestern schließlich Flensburg.

Leben nach der Flucht

In Oeversee bei Flensburg nahm sie eine Frau mit zwei Kindern auf. Nach der Kapitulation arbeiteten die Schwestern für Kost und Logis auf Bauernhöfen – schwere Arbeit bei nicht immer freundlichen Bauern. Doch sie fanden schließlich bei den Familien Hansen und Kiesby Aufnahme, die sie wie eigene Kinder behandelten.

Während Schwester Margret in Flensburg eine Familie gründete, zog Elisabeth 1947 nach Salzwedel in die Sowjetische Besatzungszone zu den Eltern. Sie lernte Medizinisch-Technische Assistentin in Halle und arbeitete später als Laborleiterin im Krankenhaus von Kühlungsborn, wo sie bis heute lebt.

Der Zettel mit der Botschaft „Auf Wiedersehen in Portugal“ blieb das letzte Lebenszeichen ihres Bruders Eberhard – ein Vermächtnis, das die Familie durch alle Wirren des Krieges und der Flucht begleitete.