Verborgene Welt unter der Insel Wolin
Tief unter der friedlichen Oberfläche der Insel Wolin, unweit der deutschen Grenze an der polnischen Ostseeküste, verbirgt sich ein faszinierendes Relikt aus vergangenen Zeiten. Die ehemalige Batterie Vineta bei Swinemünde, besser bekannt als „Unterirdische Stadt“, war einst eine streng geheime Militärbasis, die heute Geschichtsinteressierte und Abenteuerlustige gleichermaßen anzieht.
Vom Küstenschutz zum Kommandobunker-Netz
Ihre Ursprünge reichen bis in die 1930er Jahre zurück. Im Jahr 1935 beschlossen deutsche Militärstrategen den Bau einer modernen Küstenverteidigung für die Marinebasis Swinemünde. Bis 1939 entstand auf einem 15 Hektar großen Gelände eine beeindruckende Anlage mit vier Kampfbunkern, schweren 15-Zentimeter-Geschützen, einem zweistöckigen Kommandobunker mit Panzerkuppeln sowie Radarstationen, Munitionslagern und Maschinenräumen.
Doch bereits 1941 erwies sich der immense Aufwand als Fehlkalkulation – die Geschütze und Soldaten wurden nach Holland verlegt, und die Batterie diente fortan nur noch der Ausbildung der Küstenartillerie. Nach Kriegsende übernahmen zunächst die Rote Armee und später die polnische Armee den verlassenen Komplex.
Entstehung einer geheimen Unterwelt
In den 1950er- und 1960er-Jahren verwandelte sich die ehemalige deutsche Anlage in ein Symbol des Kalten Krieges. Die polnische Armee ließ die Bunker mit über 1.000 Metern unterirdischen Tunneln verbinden und installierte:
- Funkstationen und Kommunikationseinrichtungen
- Kasernen für die Unterbringung von Soldaten
- Werkstätten für Wartung und Reparaturen
- Eine voll ausgestattete Krankenstation
Unter dem streng geheimen Decknamen „Stadt 10150“ wurde der Komplex zu einem Ersatz-Kommandoposten für die polnische Generalität. Die Anlage konnte monatelang autark funktionieren, mit eigener Luft- und Energieversorgung. Gerüchten zufolge hielten sich hier sogar Verteidigungsminister Wojciech Jaruzelski und hochrangige Marineoffiziere bei Krisenübungen auf.
Vom Militärgeheimnis zum Museum
Nach den letzten Manövern im Jahr 1995 verfiel der Komplex langsam in Vergessenheit. Erst 2013 übernahm das Museum für Küstenverteidigung in Swinemünde die Anlage und rettete sie vor dem endgültigen Verfall. Seit dem 1. Mai 2014 ist die „Unterirdische Stadt“ für die Öffentlichkeit zugänglich.
Heute führen 90-minütige Rundgänge durch enge Gänge und an schwer gepanzerten Türen vorbei. Die Besucher erleben originale Technik und Rekonstruktionen in einer Atmosphäre, die von konstanten zehn Grad Celsius und dem charakteristischen Geruch von Metall und Geschichte geprägt ist. Schauspieler in historischen Uniformen lassen bei Nachstellungen den Alltag der Soldaten wieder aufleben.
Das Erlebnis für Besucher
Die Führungen sind ausschließlich mit Begleitung möglich. Uniformierte Guides führen die Gruppen mit Augenzwinkern durch das Labyrinth – eine Anspielung auf die militärische Vergangenheit. Besucher sollten keine Platzangst haben und eine Jacke mitbringen, da die Temperaturen unterirdisch konstant niedrig bleiben.
Praktische Informationen:
- Erwachsene zahlen je nach Saison etwa 50 Złoty (ca. 12 Euro)
- Ermäßigungen für Schulkinder, Studierende und Rentner: 40 Złoty
- Die Zufahrt erfolgt über den Swinetunnel oder die kostenlose Fähre nach Wolin
- Vom Fährhafen bringt ein Taxi oder Bus die Gäste in etwa 15 Minuten zum Eingang an der Wolińska 10
Ein Highlight des Ostsee-Tourismus
Heute zählt die ehemalige Batterie Vineta zu den beliebtesten Attraktionen der Region und zieht jährlich tausende Besucher aus Polen und Deutschland an. Die Anlage vereint historisches Mahnmal und spannendes Ausflugsziel in einem. In unmittelbarer Nähe locken weitere Sehenswürdigkeiten wie das preußische Fort Gerhard, der höchste Leuchtturm Polens und die kilometerweiten Strände von Usedom und Wolin.
Die „Unterirdische Stadt“ steht als beeindruckendes Zeugnis der Militärgeschichte und als faszinierendes Beispiel für die Umnutzung ehemaliger Militäranlagen. Sie erinnert an die Spannungen des Kalten Krieges und bietet gleichzeitig ein einzigartiges Erlebnis für alle, die Geschichte hautnah erleben möchten.



