Die Tragödie der „Goya“: Als ein Frachter in sieben Minuten zum Massengrab wurde
„Goya“-Untergang: Sieben Minuten, über 7000 Tote in der Ostsee

Die Nacht, in der die Ostsee zum Massengrab wurde

In der eisigen Nacht zum 16. April 1945 verwandelte sich die Ostsee innerhalb von nur sieben Minuten in eines der größten Massengräber der Seefahrtsgeschichte. Der Frachter „Goya“, eigentlich für den Transport von Gütern gebaut, sank nach zwei Torpedotreffern eines sowjetischen U-Bootes. An Bord befanden sich mehr als 7000 Menschen – Verwundete, Soldaten und verzweifelte Flüchtlinge aus den deutschen Ostprovinzen. Nur 176 von ihnen sollten diese Katastrophe überleben.

Vom norwegischen Frachter zum überfüllten Fluchtschiff

Die „Goya“ war ursprünglich ein schneller norwegischer Frachter der Reederei A/S J. Ludwig Mowinckels Rederi in Bergen, benannt nach dem spanischen Maler Francisco de Goya. Nach der deutschen Besetzung Norwegens wurde das Schiff von der Kriegsmarine beschlagnahmt und zunächst als Truppentransporter eingesetzt. Erst in den letzten Kriegsmonaten, als die Rote Armee in Ostpreußen, Westpreußen und Pommern vorrückte, wurde die „Goya“ Teil der massenhaften Evakuierung über die Ostsee.

Bis zu ihrer letzten Fahrt hatte das Schiff bereits vier Evakuierungsfahrten absolviert und dabei fast 20.000 Menschen in Sicherheit gebracht. Für die fünfte und letzte Fahrt sammelten sich auf der Halbinsel Hela an der Danziger Bucht Tausende Menschen, die verzweifelt auf einen Platz an Bord hofften. Der verantwortliche Zahlmeister zählte am Fallreep mehr als 7000 Personen – genaue Passagierlisten gab es nicht. Das Schiff war damit katastrophal überbelegt.

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Die tödliche Bauart eines Frachters

Die Bauart der „Goya“ als reiner Frachter verschärfte die Gefahr erheblich. Anders als Passagierschiffe verfügte sie weder über ausreichende Rettungsmittel noch über bauliche Sicherungen. Menschen wurden in Laderäumen, Gängen und auf dem Deck untergebracht – dicht gedrängt, mit ihren wenigen Habseligkeiten. Unter Deck lagen Verwundete, viele von ihnen nur eingeschränkt transportfähig. Schon vor dem Auslaufen war klar: Im Notfall gab es kaum Möglichkeiten, diese Menschenmenge schnell zu retten.

Die Situation verschlechterte sich noch vor der Abfahrt. Während der Beladung wurde Hela beschossen, und eine Fliegerbombe traf die „Goya“ im vorderen Drittel. Der Treffer zerstörte die Mineneigenschutzanlage und das U-Boot-Ortungsgerät. Dadurch konnte das eigentlich schnelle Schiff nicht mehr mit voller Geschwindigkeit fahren, sondern musste sich einem langsamen Geleitzug anschließen – ein fataler Verlust ihres wichtigsten Vorteils.

Die letzten Stunden vor dem Untergang

Gegen 19 Uhr lief der abgedunkelte Konvoi aus, bestehend aus der „Goya“, dem Dampfer „Kronenfels“ und dem Wassertanker „Ägir“, gesichert von zwei Minensuchbooten. Das Tempo bestimmte die langsame „Kronenfels“ mit nur etwa neun Knoten. Nach einem Kurswechsel Richtung Kopenhagen zwang ein Maschinenschaden der „Kronenfels“ den gesamten Verband zu einem etwa 20-minütigen Stopp – eine verhängnisvolle Verzögerung.

Kurz darauf, um 23.52 Uhr, griff das sowjetische U-Boot L-3 unter Kapitänleutnant Wladimir Konowalow an. Vier Torpedos wurden abgefeuert, zwei trafen die „Goya“: einer im Bereich des Vorschiffs mit schwerer Kielbeschädigung, der andere mittschiffs. Damit war das Schicksal des Schiffs besiegelt.

Sieben Minuten des Grauens

Das Wasser drang schnell ein, die „Goya“ bekam Schlagseite und sank binnen sieben Minuten. In den unteren, überfüllten Decksbereichen blieben Menschen in den Räumen eingeschlossen. Die wenigen Wege nach oben wurden sofort zu tödlichen Engstellen. Panik breitete sich aus – Erschütterungen, Dunkelheit, eindringendes Wasser und das Gedränge machten jede geordnete Flucht unmöglich.

Selbst wer das sinkende Schiff verlassen konnte, stand vor dem nächsten Problem: Die Ostsee hatte in jener Nacht nur etwa drei Grad Celsius. Unterkühlung setzte schnell ein. Nur ein einziges Rettungsboot konnte noch zu Wasser gelassen werden, kenterte aber sofort, weil sich zahllose Ertrinkende an der Bordwand festklammerten. Die Begleitschiffe verließen zunächst die Gefahrenzone und kehrten dann zur Suche zurück. Aus dem eisigen Wasser konnten nur wenige geborgen werden.

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Ein spätes und verstörendes Zeugnis

Die genaue Opferzahl lässt sich bis heute nicht sicher bestimmen, da keine vollständigen Passagierlisten existieren. Fest steht jedoch, dass mehr als 7000 Menschen starben. Das Wrack der „Goya“ wurde erst 2002 in 76 Metern Tiefe entdeckt. Spätere Berichte über unerlaubte Tauchgänge machten deutlich, dass es sich um ein Seekriegsgrab handelt.

Ein polnischer Taucher schilderte, der Frachtraum des Schiffes habe ausgesehen, als hätte es „nur Knochen und Kinderwagen transportiert“. Diese verstörende Beschreibung steht heute als spätes Bild für das Grauen jener Nacht. Die „Goya“ liegt bis heute auf dem Grund der Ostsee – ein stummes Mahnmal für eine der schwersten Katastrophen der Seefahrtsgeschichte, die in nur sieben Minuten über 7000 Menschenleben forderte und nur 176 Überlebende zurückließ.