Gregor Gysi: Ostseestrände als Weltklasse und DDR-Reise als Wendepunkt
Gysi über Ostsee-Idylle und prägende Paris-Reise in der DDR

Gregor Gysis tiefe Verbindung zur Ostsee und ein prägendes DDR-Erlebnis

Die Ostseestrände Mecklenburg-Vorpommerns gehören nach Ansicht des Linken-Politikers Gregor Gysi zu den schönsten der Welt. In einem exklusiven Gespräch mit dem Nordkurier offenbart der erfahrene Politiker nicht nur seine persönliche Beziehung zur Region, sondern auch, wie eine Reise nach Paris zu DDR-Zeiten sein Leben und seine politische Überzeugung nachhaltig beeinflusste.

Kindheitserinnerungen und familiäre Traditionen

Auf die Frage nach seinem besonderen Bezug zu Mecklenburg-Vorpommern antwortet Gysi ohne Zögern: "Auf jeden Fall! Schon als Kinder wurden wir jedes Jahr von meinen Eltern in den Sommerferien für zwei volle Monate auf die Insel Hiddensee geschickt. Da waren wir dann bei Bäcker Karsten untergebracht." Seine Eltern seien jeweils für zwei Wochen nachgekommen, sodass ein schöner Familienurlaub entstand. Später fuhren sie regelmäßig, wenn auch kürzer, nach Ahrenshoop. Diese Tradition setzte Gysi fort: "Als ich dann selbst Kinder hatte, schickte ich sie ebenfalls an die Ostsee. Insofern hatten und haben wir zu Mecklenburg-Vorpommern immer eine besondere Verbindung."

Die einzigartigen Vorzüge der Ostsee

Gysi betont, dass er durchaus auch andere Reiseziele wie Griechenland, Italien oder Frankreich kenne, aber die Ostsee mit ihren Stränden weltweit herausstiche. "Das hatte man zu DDR-Zeiten noch gar nicht so richtig registriert, weil man eben keinen Vergleich hatte", gesteht er. Erst der Kontrast zu anderen Küsten habe ihm die besonderen Qualitäten der Ostsee bewusst gemacht: "Aber nachdem ich andere Strände kennengelernt habe, wo Du auf Stein laufen musst und Schuhe brauchst und so weiter, dann genießt man die Ostsee doch sehr."

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Er zählt weitere Vorzüge auf: Die Ostsee ist salzig, aber nicht so extrem salzig wie die Nordsee. Es gibt auch Wellen, aber nicht so extreme Wellen wie am Atlantik. Und bei Ebbe muss man keine drei Kilometer weit laufen, bis man wieder im Wasser stehen kann. Für DDR-Bürger sei die Ostsee damals besonders wichtig gewesen, da andere Reiseziele kaum zugänglich waren.

Die lebensverändernde Paris-Reise von 1988

Ein besonders prägendes Erlebnis war für Gysi eine Reise nach Paris im Jahr 1988. Bis dahin fühlte er sich "genauso eingesperrt wie fast alle übrigen Bürgerinnen und Bürger der DDR". Das Pariser Kulturzentrum hatte einen Vortrag zum Grad der Verwirklichung der Menschenrechte in der DDR beantragt - "natürlich ein blödes Thema", wie Gysi heute schmunzelnd anmerkt. Nach einer Ablehnung 1987 durfte er 1988 schließlich als Vorsitzender des Rechtsanwaltskollegiums reisen.

"Als ich wieder zurückkam, waren sie heilfroh", erinnert sich Gysi. Doch die Reise habe sein Leben tiefgreifend verändert. Als Kind war er nur einmal in Westberlin gewesen, und ein Urlaubsflug nach Bulgarien galt in seiner Straße als kleines Wunder. Während Reisen in den Westen für seinen Vater, der später Botschafter in Italien wurde, normal waren, blieben sie für Gysi und seine Generation die Ausnahme.

Eindrücke von Freiheit und soziale Ungleichheit

Paris beeindruckte den DDR-Bürger nachhaltig: "Die Läden sahen ganz anders aus, ich konnte mich in Restaurants hinsetzen, wo ich wollte, und ich habe sogar eine Kundgebung erlebt, wo auf die Regierung geschimpft wurde. Die Freiheit war überall spürbar." Doch zwei Dinge störten ihn besonders.

Zum einen das bescheidene Hotel-Frühstück mit nur einem Croissant, einem Klecks Marmelade und Butter sowie einem Kaffee mit Milch - "da war ich von Zuhause Besseres gewohnt". Zum anderen die finanziellen Hürden beim Kulturbesuch: "Als ich mit der Metro in den Louvre gefahren bin, um die Mona Lisa zu sehen, war ich danach fast pleite. Wenn ich in Dresden zu den alten Meistern fuhr, kostete mich das fast nichts."

Diese Erfahrung führte zu einer wichtigen Erkenntnis: "Und da wusste ich, dass dieser Ausschluss von ärmeren Menschen von Kunst und Kultur nicht geht." Diese Einsicht prägt bis heute Gysis politisches Engagement: "Auch deshalb ist für mich die Frage der sozialen Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendliche beim Zugang zu Bildung, Ausbildung, Kunst, Kultur und Sport heute noch so wichtig."

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Politische Konsequenzen und bleibende Überzeugungen

Die Paris-Reise wurde somit wegweisend für Gysis spätere Politik. "Ja, mir ging es dann vor allem um Chancengleichheit", bekräftigt er. Seine Überzeugung fasst er prägnant zusammen: "Wissen Sie, wenn die Chancen nicht genutzt werden, liegt das in der Verantwortung derer, die Sie nicht nutzen. Aber wenn wir sie nicht bieten, liegt das in unserer Verantwortung."

Das Interview endet mit einem Dank für die spannenden Einblicke in eine persönliche Geschichte, die nicht nur die besondere Anziehungskraft der Ostsee-Region beleuchtet, sondern auch die tiefgreifenden Auswirkungen von Reiseerfahrungen in einer Zeit beschreibt, in der Grenzen noch ganz anders gezogen waren.