Akute Gefahr an Rügens Kreideküste: Winterliche Bedingungen erhöhen Risiko für Hangabbrüche
Der winterliche Strandspaziergang an der Ostsee kann derzeit lebensgefährlich werden. An den berühmten Steilküsten Mecklenburg-Vorpommerns, insbesondere auf der Insel Rügen, warnen Experten vor einer deutlich erhöhten Gefahr durch Hangabbrüche in den kommenden Tagen.
Minister und Nationalparkleiter mahnen zur Vorsicht
Mecklenburg-Vorpommerns Umwelt- und Klimaschutzminister Till Backhaus (SPD) richtet einen dringenden Appell an alle Ostsee-Besucher: „Beachten Sie unbedingt alle Warnschilder und Absperrungen! Halten Sie sich strikt an die gekennzeichneten Wege! Familien mit Kindern sollten besonders wachsam sein.“ Diese Warnung wird von Ingolf Stodian, dem Leiter des Nationalparks Jasmund, nachdrücklich unterstützt. Er betont, dass Spaziergänger oberhalb der Steilhänge auf den vom Nationalparkamt markierten Routen bleiben müssen.
Zwar ist es formal nicht verboten, am Strand unterhalb der Abbruchkanten entlangzulaufen, doch wer sich aktuell in diesen Bereichen bewegt, begibt sich in akute Lebensgefahr. Hangbewegungen und Kliffabgänge sind jederzeit möglich und lassen sich nicht präzise vorhersagen.
Warum der Winter besonders gefährlich ist
Geoökologe Ingolf Stodian erklärt die physikalischen Prozesse, die das Risiko in der kalten Jahreszeit deutlich erhöhen: „Zum einen sind die Kreidefelsen im Winter naturgemäß feuchter, da Bäume und Vegetation in dieser Saison weniger Wasser verbrauchen.“ Hinzu kommen die niedrigen Temperaturen. „Der Frost dringt etwa 30 Zentimeter tief in das Gestein ein.“ Dadurch kann eindringendes Wasser nicht mehr abfließen, staut sich an und reißt bei einsetzendem Tauwetter ganze Teile der Steilküste mit sich.
Diese Gefahrenlage ist typisch für die Monate Februar und März, wird jedoch durch die Wetterbedingungen der vergangenen Monate verstärkt. Auf viel Regen im November und Dezember folgte eine anhaltende Frostperiode, die nun die berühmte Kreideküste Rügens in gefährliche Bewegung bringen könnte.
Illegale Trampelpfade als zusätzliches Risiko
Ein besonderes Problem stellen über 100 illegale Trampelpfade dar, die während der Corona-Zeit entstanden sind und direkt in Richtung der Steilküste führen. Das Betreten dieser nicht genehmigten Wege birgt enorme Gefahren, da sie instabil sein können, zu nah an Abhänge führen oder auf gefährliche Überhänge münden. „Teilweise stehen Besucher dann nur noch auf einem dünnen Vegetationsteppich über dem Abgrund“, warnt Stodian eindringlich.
Die Tragweite dieser Gefahr wurde bereits im Dezember 2011 am Kap Arkona auf Rügen deutlich, als ein zehnjähriges Mädchen bei einem Hangabbruch verschüttet wurde und starb.
Die aktuellen Warnungen gelten insbesondere für die Region um Sassnitz, wo Spaziergänger bereits unterhalb der Steilküste am Ostseestrand unterwegs waren. Alle Besucher werden aufgefordert, die offiziellen Sicherheitshinweise strikt zu beachten und sich der latenten Gefahr bewusst zu sein, die von den majestätischen, aber instabilen Kreidefelsen ausgeht.



