Eisige Isolation auf der Greifswalder Oie
Seit Anfang Januar herrscht auf der kleinen Ostseeinsel Greifswalder Oie ein ungewöhnlicher Ausnahmezustand. Drei junge Naturschützer sind gemeinsam mit einigen Schafen und zahlreichen Vögeln von der Außenwelt abgeschnitten. Der Grund: Das bis zu 50 Zentimeter dicke Eis des Greifswalder Boddens macht jede Schiffsverbindung zum Festland unmöglich. Was als regulärer Freiwilligendienst begann, hat sich zu einem unerwarteten Winterabenteuer entwickelt.
Der Alltag zwischen Vogelzählungen und Brettspielen
Sören Wieland (18), Johanna Schab und Sofia Kampouridi absolvieren auf der etwa zehn Kilometer südöstlich von Rügen gelegenen Insel ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr beziehungsweise ihren Bundesfreiwilligendienst. Für den Verein Jordsand betreuen sie eine Vogel-Beringungsstation und sammeln wissenschaftliche Daten durch regelmäßige Vogelzählungen.
„Die Arbeit ist sehr entspannt“, berichtet Sören Wieland. „Einmal pro Woche umrunden wir die Insel und zählen dabei die Vögel – das dauert etwa einen Vormittag.“ Die restliche Zeit verbringen die drei mit praktischen Arbeiten wie Reparaturen und Gärtnertätigkeiten, doch vor allem mit einem gemeinsamen Hobby: Brettspielen. „Wir spielen eigentlich jeden Abend gemeinsam“, erzählt Wieland mit einem Lachen.
Teamgeist in der Isolation
Die ungewöhnliche Situation schweißt die drei jungen Menschen zusammen. „Wir sind hier zwangsläufig ein Team geworden. Man verbringt ja den ganzen Tag miteinander“, erklärt Wieland. Dennoch bleibt auch Raum für Privatsphäre und den Kontakt zur Außenwelt. „Wir haben zum Glück ganz gutes Internet hier“, verrät der 18-Jährige, der nach seinem Abitur in Süddeutschland bewusst in den Norden gezogen ist.
Der gebürtige Stuttgarter hatte sich bereits zuvor in Deutschlands Norden verliebt. „Außerdem bin ich nicht so der Party-Typ. Der Lebensstil hier auf der Insel gefällt mir da schon besser“, gibt er offen zu.
Versorgung und Notfallpläne
Normalerweise werden die Naturschützer regelmäßig mit dem Schiff versorgt. Das letzte Versorgungsschiff erreichte die Insel jedoch im Januar, kurz bevor sich der Greifswalder Bodden in eine riesige Eislaufbahn verwandelte. „Wir haben hier alles, was wir zum Leben brauchen“, betont Wieland, auch wenn er lachend zugibt, dass die Ernährung derzeit etwas nudellastig ausfällt.
Im Ernstfall wäre die Gruppe auf einen Hubschrauber angewiesen – auf der Insel gibt es dafür ausreichend Landefläche. Besondere Sorgen machen sich die drei jedoch nicht. Sie rechnen damit, noch ein bis zwei Wochen im Eis gefangen zu sein, bis das langsam einsetzende Tauwetter die dicke Eisschicht ausreichend abgeschmolzen hat.
Ein unerwartetes Winterabenteuer
Dass sie die meiste Zeit ihres Freiwilligendienstes alleine auf der Insel verbringen würden, war den dreien von Anfang an klar. „Aber dass wir so richtig vom Eis eingeschlossen werden, hätten wir nicht gedacht“, gesteht Wieland. So viel Eis wie in diesem Winter habe es rund um die Greifswalder Oie schon lange nicht mehr gegeben.
Ein geplantes Seminar in der kommenden Woche werden die drei voraussichtlich ausfallen lassen müssen. „Im Moment ist das wortwörtlich unmöglich, dort hinzukommen“, erklärt Wieland mit typischem norddeutschen Understatement. Bis das Eis schmilzt, bleibt den jungen Naturschützern also noch Zeit für Vogelbeobachtungen, Gärtnerarbeiten und viele weitere Partien ihrer Lieblingsbrettspiele.



