Rügens Geisterinsel: Wo DDR-Schiffe unsichtbar gemacht wurden
Mitten im Rügischen Bodden, zwischen der Halbinsel Reddevitz und der Insel Vilm, liegt eine künstliche Insel, die heute einen gespenstischen Anblick bietet. Algen überwuchern die Mauern, Fenster sind eingeschlagen, und Vandalismus hat dem Gebäude schwer zugesetzt. Abgesehen von zahlreichen Kormoranen, die hier ihren Schlafplatz gefunden haben, ist das Eiland komplett verlassen. Doch in der Vergangenheit erfüllte es einen höchst geheimen und wichtigen Zweck für die Nationale Volksarmee der DDR.
Von der Militärstation zur Geisterinsel
Das nur etwa 700 Quadratmeter große Eiland wurde im Jahr 1954 künstlich auf Holzpfählen errichtet. Das darauf erbaute Gebäude diente als Entmagnetisierungsstation der NVA. Hier wurden bei Schiffen der Volksmarine die Eigenmagnetfelder gemessen und anschließend weitgehend neutralisiert. Dieser Vorgang machte die Schiffe für Magnetminen und Torpedos unempfindlicher und schwerer auffindbar – im Grunde genommen wurden sie dadurch „unsichtbar“ für feindliche Waffensysteme.
Nach der Wende im Jahr 1990 wurde das Gelände sich selbst überlassen, da die Bundeswehr in Wilhelmshaven bereits über eine moderne Entmagnetisierungsstation verfügte und keine Verwendung für die alte NVA-Anlage hatte. So begann der langsame Verfall, der bis heute andauert und der Insel ihr gruseliges Erscheinungsbild verleiht.
Ambitionierte Pläne und gescheiterte Visionen
Obwohl die Insel nach der Wiedervereinigung zunächst brachlag, gab es durchaus ambitionierte Nachnutzungsgedanken. Teilweise wurden sogar wilde Ideen diskutiert, darunter die Errichtung eines Spielcasinos oder eines Bordells. Doch erst im Jahr 2001 wurde die Insel schließlich verkauft.
Die neuen Besitzer, der Architekt Gerhard Benz und der Maschinenbauingenieur Peer Wenmakers, gaben der bis dahin namenlosen Insel den Namen Ostervilm. Ihre Vision war es, aus dem ehemaligen Militärstützpunkt einen Treff- und Schaffenspunkt für Künstler oder einen Ausstellungs- und Aufführungsort zu machen. Leider scheiterten diese Pläne an baulichen und rechtlichen Herausforderungen.
Peer Wenmakers äußerte sich gegenüber der Ostsee-Zeitung enttäuscht: „Ich selbst werde dort kein Projekt mehr hochziehen. Wenn es einen Interessenten für das Objekt gäbe, würden wir jetzt wohl verkaufen.“ Damit bleibt die Insel vorerst ein verlassenes Relikt aus DDR-Zeiten, das heute vor allem von Kormoranen als Schlafplatz genutzt wird.
Ein Stück Zeitgeschichte im Verfall
Die ehemalige Entmagnetisierungsstation auf Ostervilm steht symbolisch für viele vergessene Militäranlagen aus der DDR-Ära. Während sie einst eine geheime und strategisch wichtige Funktion erfüllte, ist sie heute ein Ort des Verfalls und der Naturüberwucherung. Die künstliche Insel bietet nicht nur einen Einblick in die maritimen Verteidigungstechniken des Kalten Krieges, sondern auch ein Beispiel dafür, wie schwer die Nachnutzung solcher speziellen Liegenschaften sein kann.
Für Historiker und Interessierte bleibt sie ein faszinierendes Zeitdokument, während sie für die meisten Besucher Rügens weiterhin ein unsichtbares und vergessenes Stück Geschichte in der Ostsee darstellt.



