Die nationale Timmy-Hysterie: Ein Kommentar zur deutschen Wal-Debatte
Ich habe eine große Vorliebe für Tiere. Ob Fische, Vögel, Katzen oder notfalls auch Hunde – sie alle haben ihren besonderen Reiz. Und natürlich zählen Wale zu meinen Favoriten. Diese majestätischen Meeressäuger wirken stets gutmütig und sympathisch, ganz im Gegensatz zu Haien, vor denen ich mich bereits in Kindertagen gefürchtet habe. Dafür sorgte nicht zuletzt Steven Spielbergs Filmklassiker „Der weiße Hai“.
Der Wal als nationales Medienphänomen
Seit vielen Wochen vergeht kein einziger Tag, an dem wir nicht mit Nachrichten über jenen Wal konfrontiert werden, der sich in die Ostsee verirrt hat. Sogar vor Rostock war er bereits zu sehen. Irgendjemand kam auf die Idee, ihm den Namen „Timmy“ zu geben – als handle es sich um ein zahmes Haustier. Vielleicht ist er das inzwischen tatsächlich geworden: Ein nationales Haustier, Deutschlands persönlicher Wal.
Und wie es die Deutschen so kennen, muss natürlich alles gerettet werden: Der bedrohte Wald, die gesamte Welt und selbstverständlich auch dieser Wal. Doch trotz aller Bemühungen scheiterten sämtliche Rettungsversuche kläglich. Dabei gibt es in Deutschland doch Experten für nahezu jedes erdenkliche Thema – auch für die Rettung von Walen.
Der Wal ließ sich einfach nicht retten. Vielleicht, weil er es gar nicht wollte. Vielleicht hatte er ganz andere Pläne für sich selbst.
Der Kipppunkt der Rettungshysterie
Irgendwann erreichte die große Timmy-Rettungs-Hysterie einen entscheidenden Wendepunkt. Möglicherweise möchte Timmy überhaupt nicht gerettet werden. Vielleicht hat er sich die Ostsee bewusst als Sterbeort ausgesucht, weil er hier mit seiner imposanten Masse endlich Ruhe finden kann. Auch für einen Wal kommt irgendwann das natürliche Ende. Vielleicht ahnt Timmy dies sogar, ähnlich wie sensible Menschen, die spüren, dass ihre Zeit zu Ende geht. Warum sollten Wale diese Fähigkeit nicht ebenfalls besitzen?
Die Suche nach Schuldigen und Symbolik
Manche Menschen brauchen stets Sündenböcke. In der gesamten Timmy-Geschichte wird Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) zum Bösewicht stilisiert, obwohl er und sein Ministerium rund um die Uhr arbeiten. Presseinformationen zu Timmy werden herausgegeben, als hinge das Wohl des gesamten Bundeslandes von seiner Existenz ab.
Inzwischen hat sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) seine Verbundenheit mit Timmy öffentlich zum Ausdruck gebracht.
Ich hoffe inständig, dass Timmy von solchen Aktionen nichts mitbekommt. Ich hoffe, dass er seine wohlverdiente Ruhe findet – selbst wenn er zum Maskottchen eines durchgedrehten Landes geworden ist. Wie ein Realsymbol für eine Nation, die einst groß, dynamisch und wirtschaftlich mächtig war, mittlerweile jedoch kraftlos wirkt.
Welche Lehren lassen sich aus dieser Situation ziehen?
Im Alten Testament existiert die Geschichte des Propheten Jona, der vor Gottes Plan davonläuft. Er soll eine Stadt zur Umkehr auffordern, hat dazu jedoch keine Lust. Bei einem Seeunglück gerät er in den Bauch eines Wals. Als der Wal ihn wieder ausspuckt, ist Jona ein völlig anderer Mensch – geläutert und verwandelt. Timmy muss Deutschland nicht ausspucken.
Wir sollten ihn stattdessen in Frieden sterben lassen und uns ernsthaft die Frage stellen, was getan werden muss, damit dieses Land wieder von der Sandbank aufsteht und zu alter Stärke findet.



