Vergessene Festung Poel: Der Stern an der Ostsee, der in Häusern verschwand
Vergessene Festung Poel: Stern an der Ostsee verschwand

Vergessene Festung Poel: Der Stern an der Ostsee, der in Häusern verschwand

Wer heute in Kirchdorf auf der Ostseeinsel Poel spazieren geht, sucht vor allem Ruhe: Schilf, Wind und die frische Ostseeluft. Doch genau hier stand einst ein Bauwerk von historischer Bedeutung – eine sternförmige Festungsanlage mit Wassergräben, Kanonen und einem imposanten Schloss. Aus der Luft ist die Grundform des fünfzackigen Sterns noch immer gut zu erkennen, doch am Boden sind kaum steinerne Überreste geblieben. Der Grund: Die Festung wurde über Jahrhunderte Stein für Stein abgetragen und in den Häusern der Insel verbaut.

Vom Jagdrevier zur strategischen Festung

Poel war lange Zeit ein wildreiches Jagdgebiet des Adels. Im 16. Jahrhundert entstand ein kleines Jagdschloss, das jedoch allmählich verfiel. Militärisch blieb die Insel aufgrund ihrer Lage vor Wismar hochinteressant und strategisch wertvoll. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ließ Herzog Adolf Friedrich I. von Mecklenburg-Schwerin ein „fürstliches Haus“ bei Kirchdorf errichten. Sein Bruder Johann Albrecht II. von Mecklenburg-Güstrow gab 1614 den Auftrag zum Festungsbau, der vom aus Emden stammenden Festungsbauer Gerhart Evert Pilooth geplant wurde.

Eine moderne Anlage in niederländischer Manier

Die Festungsanlage bestand aus mächtigen Erdwällen und einem ausgeklügelten System aus Wassergräben. Im Kern stand eine bastionierte, sternartige Schlossanlage, die aus der Luft noch heute als fünfzackiger Stern mit einem vorgelagerten Werk, das wie ein „Sternschweif“ beschrieben wird, erkennbar ist. Besonders spannend ist, dass Pilooth die Festung weitgehend in niederländischer Manier umsetzte – für Mecklenburg eine absolute Ausnahme. Das Ensemble umfasste zeitweise rund 24 Hektar und beherbergte nicht nur militärische Bauten, sondern auch ein zweigeschossiges Schloss mit Flügeln, Wirtschaftsgebäuden und Versorgungsstrukturen.

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Die Kirche im Kronwerk – ein Kuriosum

Mitten in den Befestigungen lag und liegt bis heute die Kirche von Kirchdorf, die bereits 1258 fertiggestellt war und in das Festungssystem einbezogen wurde. In klassischer Festungslogik wirkt dies irritierend, da ein sakraler Bau im Vorfeldwerk im Ernstfall zum Problem hätte werden können. Heute ist genau dieses Detail ein besonderes Merkmal, das den Ort so ungewöhnlich macht. Die Festung war zudem schwer bewaffnet, mit überlieferten etwa 30 Kanonen, die Angreifer früh abschrecken sollten.

Der Dreißigjährige Krieg und der Niedergang

Mit der Fertigstellung um 1618 begann der Dreißigjährige Krieg, und Poel wurde mehrfach überrannt, besetzt, geplündert und notdürftig wiederhergestellt. Dänen, Kaiserliche und Schweden wechselten sich als Besatzungen ab und hinterließen die Insel verwüstet. Trotz dieser Turbulenzen war Poel zeitweise eine Bühne der Politik: 1620 trafen sich Schwedens König Gustav II. Adolf und Herzog Adolf Friedrich I. auf dem Poeler Schloss, und kurz darauf wurde die schwedische Königsbraut Maria Eleonora feierlich empfangen.

Vom Prestigeprojekt zum Steinbruch

Nach 1630 verfielen Schloss und Teile der Anlage binnen weniger Jahrzehnte. Spätestens zu Beginn des 18. Jahrhunderts setzte ein Prozess ein, der das endgültige Verschwinden erklärt: Die Bevölkerung durfte sich an den Ruinen bedienen, um Baumaterial für ihre Häuser zu gewinnen. So wurde das einstige Prestigeprojekt Stein für Stein abgetragen, und im 19. Jahrhundert verschwanden die letzten Reste weitgehend. Übrig blieben nur Fundamente, einzelne Wallstücke und Berichte über unterirdische Gänge.

Heute: Landschaft und Kultur statt Festung

Was von der Festungsanlage Kirchdorf geblieben ist, ist heute vor allem Landschaft: ein markierter Wallrest, der als historischer Ort dient. Informationstafeln erklären den Komplex, und im Inselmuseum veranschaulicht ein Modell die einstige Größe und Ambition der Anlage. Ausgerechnet dort, wo einst Soldaten über Rampen an die Wallkrone gelangten, finden heute Konzerte, Theater, Märkte und Open-Air-Kino statt. Die Festung ist verschwunden, aber ihr Grundriss prägt Kirchdorf bis heute und bleibt aus der Luft sichtbar – ein stiller Zeuge norddeutscher Geschichte.

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