Junges Gemüse übernimmt: Bio-Gärtnerei Medewege startet als Mitarbeiter-Genossenschaft
Bio-Gärtnerei Medewege wird zur Mitarbeiter-Genossenschaft

Generationenwechsel in der Bio-Gärtnerei: Aus Familienbetrieb wird Mitarbeiter-Genossenschaft

Die Bio-Gärtnerei auf dem Hof Medewege bei Schwerin erlebt einen bemerkenswerten Wandel. Statt den traditionellen Weg der Betriebsnachfolge innerhalb der Familie zu gehen, haben fünf junge Mitarbeitende den Betrieb gemeinsam übernommen und in eine Genossenschaft umgewandelt. Olaf und Albert Holst, die Söhne des Gründers Rainer Holst, entschieden sich bewusst gegen eine alleinige Übernahme des elterlichen Betriebs.

Gemeinschaft statt Einzelverantwortung

„Die große Verantwortung für Mitarbeiter und die schwierige wirtschaftliche Lage im Ökolandbau wollten wir nicht alleine tragen“, erklärt Albert Holst die Beweggründe für den ungewöhnlichen Schritt. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen grübelten die Brüder über alternative Wege und entschieden sich schließlich für die Gründung einer Genossenschaft im Juni 2025. Anfang 2026 übernahm diese dann vollständig alle Geschäfte der Gärtnerei.

Die Entscheidung fiel nicht leicht, denn die emotionale Bindung zum Betrieb ist groß. Vor 25 Jahren hatte Rainer Holst die Gärtnerei mit wenig mehr als Schubkarre und Spaten gegründet. Heute versorgt sie zahlreiche Haushalte in Schwerin und der gesamten Region bis nach Hamburg, Rostock und Berlin mit frischem Bio-Gemüse.

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Das Team steht geschlossen hinter der Genossenschaft

Mitglied in der neu gegründeten Genossenschaft kann nur werden, wer auch in der Gärtnerei angestellt ist. „Nahezu das gesamte Team der Gärtnerei ist der Genossenschaft beigetreten“, berichtet Theresa Jansen, die seit fünf Jahren zur Gärtnerei gehört und im Gründungsteam aktiv war. Insgesamt 16 Mitarbeitende zahlen einen niedrigen Genossenschaftsbeitrag und sind nun Miteigentümer des Betriebs.

„Genossenschaften gelten als besonders sichere Unternehmensform“, erklärt Jansen, die vor ihrer Tätigkeit in der Gärtnerei einen Master im technischen Umweltschutz an der TU Berlin absolvierte. „Ihr Zweck ist nicht die Gewinnmaximierung, sondern das Gemeinwohl und die Bedürfnisse der Mitarbeitenden. Unsere Gärtnerei lebt von der tollen Teamstimmung.“

Herausforderungen im modernen Ökolandbau

Trotz der positiven Grundstimmung stehen die jungen Gärtnerinnen und Gärtner vor erheblichen Herausforderungen. „Wir begrüßen den Mindestlohn, aber die Gemüsepreise steigen nicht im gleichen Ausmaß“, schildert Theresa Jansen die wirtschaftliche Realität. Gleichzeitig erhöhen sich alle anderen Kosten kontinuierlich.

Ein besonderes Problem stellt die Konkurrenz zu großen Betrieben dar, die in der Erntezeit günstige Saisonkräfte aus dem Ausland beschäftigen. Die Gärtnerei in Medewege setzt dagegen auf fest angestellte Mitarbeitende, die auch im Winter beschäftigt werden. „Obwohl es dann weniger zu tun gibt, arbeiten bei uns die fest angestellten Mitarbeiter weiter“, betont Jansen. Um diese Arbeitsplätze zu sichern, baut die Gärtnerei beispielsweise extra viel Feldsalat an, der auch in der kalten Jahreszeit gedeiht.

Qualität vor Quantität: Der Geschmack zählt

Gegen die übermächtige Konkurrenz setzt die Gärtnerei auf herausragende Qualität und Geschmack. „Wir pumpen unsere Felder nicht mit maximalem Dünger voll, damit die Pflanzen möglichst schnell wachsen“, erklärt Theresa Jansen den qualitätsorientierten Ansatz. Stattdessen nutzen die Gärtnerinnen und Gärtner Dünger, der sich langsam zersetzt und den Pflanzen Zeit zur Geschmacksentfaltung lässt.

Ein weiteres Qualitätsmerkmal sind samenfeste Sorten, die zwar nicht gleichförmig heranreifen, dafür aber einen deutlich besseren Geschmack entwickeln. „Bei großen Bio-Konzernen wird zum Beispiel nur einmal das Kohlrabi-Feld abgeerntet. Bei uns kann es sein, dass wir drei bis vier Mal aufs Feld müssen, um die reifen Exemplare einzusammeln“, beschreibt Jansen den arbeitsintensiven, aber qualitätsbewussten Ansatz.

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Finanzierung durch Crowdfunding und starke Gemeinschaft

Um die Gründung der Genossenschaft und die Betriebsübernahme zu finanzieren, startete das Team im Vorjahr eine erfolgreiche Crowdfunding-Aktion. „Darüber konnten wir 40.000 Euro einsammeln“, berichtet Theresa Jansen stolz. Viele Menschen aus der Region, die sich der Gärtnerei verbunden fühlen, unterstützten den Generationenwechsel finanziell.

Die solidarische Landwirtschaft (Solawi) bietet eine weitere wichtige Säule der Gemeinschaftsbindung. Aktuell unterstützen 120 Privathaushalte den Hof gemeinschaftlich und erhalten im Gegenzug regelmäßig Kisten mit frischem Gemüse und Obst. „Die Leute holen nicht nur ihre Kisten ab, viele genießen auch die Nähe zum Hof und pflücken zum Beispiel selbst Bohnen und Erdbeeren auf unseren Feldern“, weiß Jansen.

Zukunftsperspektiven: Behutsames Wachstum geplant

Nach dem gelungenen Generationenwechsel und der Gründung der Genossenschaft stehen nun behutsame nächste Schritte an. „Klar würden wir uns zum Start gern die ein oder andere Maschine zulegen“, räumt Theresa Jansen ein. „Aber den Spielraum für große Investitionen haben wir momentan nicht. Also erst mal ankommen, schauen wie es mit der Genossenschaft läuft und wie gut die Ernte in diesem Jahr wird.“

Der Biohof Medewege bleibt dabei ein offener Ort für die gesamte Region. Seit 30 Jahren können Besucherinnen und Besucher hier Kaffee trinken und zwischen Blumenbeeten, Kürbisfeldern, Pferdestall und Bäckerei spazieren. Vor allem Familien mit Kindern schätzen die Bilderbuch-Idylle am Stadtrand von Schwerin – und jetzt auch die innovative Unternehmensform, die hier erfolgreich umgesetzt wurde.