Seit 146 Jahren tickt die Zeit: Der Uhrenaufzieher von Ilmenau-Roda
Es ist ein faszinierendes Ritual, das sich seit dem Jahr 1880 täglich wiederholt. In der evangelisch-lutherischen Jacobuskirche in Ilmenau-Roda, Thüringen, steigt alle 24 Stunden jemand in den Kirchturm, um die Zeit buchstäblich am Laufen zu halten. Hier schlägt noch ein altes mechanisches Uhrwerk, das manuell aufgezogen werden muss – eine Tradition, die seit fast fünfzehn Jahrzehnten ununterbrochen fortgeführt wird.
Ingo Steinmann: Der Hüter der Zeit
Ingo Steinmann, 68 Jahre alt, ist der aktuelle Uhrenaufzieher von Roda. Jeden Tag erklimmt er die insgesamt 31 Stufen der alten Holztreppe im Kirchturm, die ihn direkt ins Herz des Zeitmessers führt. „Ganze 25 Umdrehungen braucht es pro Seilwinde, von denen es drei gibt, bis die Uhr vollständig aufgezogen ist und das Pendel weiter schwingt“, erklärt Steinmann. Der tägliche Einsatz dauert etwa zehn Minuten und erfordert Handarbeit sowie Muskelkraft.
Steinmann übernahm diese Aufgabe vor rund zwei Jahren, als er mit seiner Frau in das alte Pfarrhaus einzog. Zuvor hatte die dort lebende Pfarrerfamilie den Job erledigt, doch „einen Pfarrer gibt es bei uns nicht mehr“, so Steinmann. Als kleinen Vorteil erhält er für seine Dienste eine Mietvergünstigung vom Vermieter, der Kirche selbst.
Bewährte Technik und moderne Vorsorge
Das mechanische Uhrwerk, das seit 1880 zuverlässig seinen Dienst verrichtet, ist ein beeindruckendes Stück Technikgeschichte. Einmal aufgezogen, läuft es maximal 30 Stunden. Bislang ist es nur ein einziges Mal stehen geblieben, was den Anwohnern sofort auffiel, die an den pünktlichen Stundengong gewöhnt sind.
Um auch bei Verhinderung sicherzustellen, dass die Zeit nicht stehen bleibt, hat Steinmann eine kreative Lösung gefunden: Er gründete eine Uhrenaufzieher-WhatsApp-Gruppe mit fünf Gemeindemitgliedern. „Bin ich mal nicht da, starte ich eine Umfrage, wer denn übernehmen kann“, sagt er. Diese moderne Vorsorge funktioniert ausgezeichnet, und es findet sich stets ein Vertreter, um am Rad zu drehen.
Zukunftsvisionen und Denkmalschutz
Obwohl die manuelle Aufziehung gut funktioniert, denkt Steinmann gemeinsam mit seiner Gemeinde über eine Modernisierung nach. Sie planen, das Aufzieh-Prozedere künftig per elektrischem Antrieb erfolgen zu lassen. Dafür haben sie sich um den Denkmalschutzpreis beworben. „Wenn das klappt, hätten wir schon eine Anzahlung für den Elektromotor“, erklärt Steinmann. Bis dahin heißt es jedoch weiterhin: Tagein, tagaus rauf in den Turm – ganz im Zeichen der Zeit und im Dienst der Gemeinschaft.
Die Geschichte von Ingo Steinmann und der Kirchturmuhr von Ilmenau-Roda ist mehr als nur eine Anekdote über alte Technik. Sie steht symbolisch für die Verbindung von Tradition und Moderne, für Gemeinschaftssinn und die Wertschätzung historischer Handwerkskunst. In einer Welt, die von digitalen Uhren und automatisierten Prozessen dominiert wird, erinnert dieses tägliche Ritual daran, dass Zeit etwas ist, das mit Sorgfalt und Hingabe gepflegt werden muss.



