75 Jahre Rennsteiglied: Vom DDR-Kitsch zum immateriellen Kulturerbe Thüringens
Rennsteiglied wird 75: Vom Kitsch zum Kulturerbe

75 Jahre Rennsteiglied: Eine musikalische Liebeserklärung an Thüringen

Vor 75 Jahren erklang das Rennsteiglied erstmals öffentlich – heute gilt es als heimliche Hymne Thüringens und wurde jüngst in die Liste des immateriellen Kulturerbes des Bundeslandes aufgenommen. Das Lied des Volksmusikanten Herbert Roth (1926-1983) hat eine bewegte Geschichte hinter sich, die von anfänglicher Kritik bis zur heutigen Verehrung reicht.

Von Hirschbach in die Welt: Die Entstehungsgeschichte

Im Jahr 1951 trat Herbert Roth mit seiner Instrumentalgruppe erstmals im Gemeindesaal von Hirschbach bei Suhl auf und präsentierte das Rennsteiglied. Die Überlieferung berichtet von heftigem Applaus für die drei Strophen, die die Verbundenheit zur Natur, die Freude am Wandern und natürlich den etwa 170 Kilometer langen Rennsteig im Thüringer Wald besingen. Die berühmte Anfangszeile „Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land“ stammt von Roths Jugendfreund Karl „Kaschi“ Müller, während Roth selbst die Zeile „Am Rennsteig, wo ich wandere“ verfasste.

Zwischen DDR-Kritik und Ulbrichts Privatkonzert

Nicht alle reagierten begeistert auf das Lied. DDR-Funktionäre warfen Roth Kitsch vor und vermuteten hinter der besungenen Heimatliebe nationalistische Tendenzen. Der 1944 zur Kriegsmarine eingezogene Komponist geriet ins Visier der Kulturpolitik. Ironischerweise soll später SED-Chef Walter Ulbricht Roth zu einem Privatkonzert eingeladen und die Musik geschätzt haben. Dieser Wendepunkt ebnete den Weg, dass das Rennsteiglied in der DDR zum Kult wurde – ein Status, der auch nach dem Mauerfall erhalten blieb.

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Vom Volkslied zum modernen Phänomen

Über die Jahrzehnte entdeckten zahlreiche Künstler das Rennsteiglied für sich. Florian Silbereisen, die Wildecker Herzbuben und Gunther Emmerlich nahmen eigene Versionen auf. Auf YouTube verzeichnet ein Video mit Herbert Roth selbst über eine Million Aufrufe, während das Lied auch auf Streaming-Plattformen wie Spotify zu finden ist. Besonders bemerkenswert: Jüngere Generationen identifizieren sich mit dem Lied, wie der Thüringer Rodler Max Langenhan demonstrierte, der nach seinem Olympiasieg 2026 textsicher mit Fans sang und sogar IOC-Chef Thomas Bach zum Mitklatschen brachte.

Immaterielles Kulturerbe mit identitätsstiftender Kraft

Im Jahr 2026 erhielt das Rennsteiglied die offizielle Anerkennung als immaterielles Kulturerbe Thüringens. In der Begründung heißt es, das eingängige Lied beschreibe die Liebe zum Thüringer Wald und das Wandern auf dem Rennsteig. Gesungen werde es bei Wanderungen, Volksfesten und Sportveranstaltungen. „So stiftet das Rennsteiglied Identität, stärkt den Gemeinsinn und vermittelt ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit“, lautet die offizielle Einordnung. Damit reiht es sich ein in eine Liste, die auch die Karnevalstradition Ostdeutschlands, das Skatspielen und die Thüringer Bratwurstkultur umfasst.

Ministerpräsident Voigt: Ein Fan mit Bildungsmission

Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) äußerte sich enthusiastisch über das Lied: „Heimat ist ein besonderes Gefühl. Und dieses Gefühl hat niemand so wunderbar in Noten gegossen wie Herbert Roth“. In seiner Regierungserklärung vom 27. März 2026 im Erfurter Landtag ging Voigt noch weiter: Er forderte, dass das Rennsteiglied an allen Thüringer Schulen gelehrt werden solle, „weil wir auch wollen, dass unsere Traditionen und unsere Geschichte geschätzt und wertgeschätzt werden“. Die Staatskanzlei bestätigte, dass der Ministerpräsident selbst ein Fan des Liedes ist.

Das Rennsteiglied hat somit eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen: Vom lokal begrenzten Volkslied über die DDR-Kultphase bis hin zum identitätsstiftenden Kulturerbe, das nun auch pädagogische Bedeutung erlangt. 75 Jahre nach seiner Entstehung bleibt es ein lebendiger Teil thüringischer Kultur, der Generationen verbindet und Heimatgefühle musikalisch transportiert.

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