Fußball-Schiri: Eine Erfahrung, die ich niemandem und jedem wünsche
Schiri-Erfahrung: Niemandem und jedem wünschen

Es sollte ein schöner Abend und eine tolle Erinnerung werden. Tatsächlich wurde es ein Erlebnis, das ich gleichzeitig niemandem und jedem wünsche – und das mich vor allem schon seit Tagen nachdenklich stimmt.

Ein undankbarer Job auf dem Fußballplatz

Mittwochabend, Jugendfußball, das letzte Spiel in der Kreisstaffel, Tabellenplätze im Niemandsland: Es sollte im besten Sinne belanglos werden. Einfach nur alles geben und Spaß haben. Perfekt für meinen ersten Einsatz als Schiedsrichter. Dachte ich, als ich spontan zusage, das Spiel als Unparteiischer zu leiten. Freiwillige aus dem Verein oder der Elternschaft übernehmen das an Heimspieltagen. Das ist ganz normal!

Als jahrzehntelanger Fan kennt man das ja vom Sofa und aus den Stadien: Fußball schauen und über Fouls und Handspiel entscheiden. Wie schwierig es selbst bei einem guten Dutzend Viertklässler sein würde, das Spiel genaustens zu verfolgen und Situationen innerhalb von Sekundenbruchteilen zu bewerten, hatte ich mir schon ausgemalt.

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Dutzende Kommentatoren am Spielfeldrand

„Ein undankbarer Job“, würde es nach dem Spiel heißen. Und das sollte zutreffen. Denn dass ich augenscheinlich das WM-Finale gepfiffen habe, war mir dann doch neu: Jede Situation wurde lautstark kommentiert, jede Entscheidung infrage gestellt, Erklärungen abgewinkt. Dass es darum geht, dass die Jungs als Team auftreten, Spaß haben, man bei 10-Jährigen Fünfe auch mal gerade sein lässt: Plötzlich geschenkt.

Lautstarkes Fordern von Nachspielzeit? Kein Handelfmeter, wenn Kinder aus einem Meter an den angelegten Arm geschossen werden? Dafür ist ein Schuldiger sofort gefunden: der Schiri. So weit, so normal in der Sache.

Beim Stand von 3:1 schallt es in den Schlussminuten dann aber von der einen zur anderen Seite den Gastgebern und auch mir sinngemäß entgegen: „Ihr wart Idioten, ihr seid Idioten und ihr werdet auch immer Idioten sein!“ Eine Verrohung, die mir den ganzen Spaß an dem Abend genommen hat, auf den ich mich sehr gefreut hatte.

Respektverlust gegenüber Ehrenamtlichen

Wer schon länger, gerade auf höherem Niveau, Schiedsrichter ist, wird mich auslachen: „So geht's uns allen!“ Auch Feuerwehrleute, Polizisten, Sanitäter und Bürgermeister können ein Liedchen davon singen. Und auch ich bin es grundsätzlich als Journalist gewohnt, ungefilterte Meinungen direkt und persönlich ins Gesicht geschmettert zu bekommen. Das ist zwar unser Job, doch weder bei Polizisten noch bei mir ist das in Ordnung. Und bei Ehrenamtlichen und Helfern wiegt dieser fehlende Respekt noch schwerer.

Eltern und Großeltern sind voll dabei

Klarzustellen ist aber auch: Den Allermeisten auf dem Sportplatz, darunter mehrheitlich Eltern und Großeltern, würde ich nichts unterstellen wollen. Keine Drohungen, keine tatsächliche Gewalt. Emotionen gehören im Eifer des Gefechts zum Spiel, alle sind voll mit dabei. Das macht den Sport und das Erlebnis so besonders. Bis zu einem gewissen Grad. Entscheidungen und Erklärungen nicht zu respektieren, zu beleidigen, nach dem Spiel noch auszuticken, um dann ohne Gruß abzuziehen, ist dann aber doch absolut unsportlich und als Vorbild für Kinder ziemlich peinlich.

Ich habe das Gefühl: Die Leute haben wohl vergessen, mit wem sie da reden! Nämlich mit einem von vielen Ehrenamtlichen, die grundsätzlich auch anderes zu tun hätten und ohne die das Spiel ihrer Kinder, Enkel und Schützlinge gar nicht erst zustande kommen würde. Ich frage mich deshalb: Wie lange tut sich das noch jemand freiwillig an?

Ein Appell für mehr Gelassenheit

Deshalb wünsche ich einerseits niemandem und doch jedem unreflektierten Sofa-Weltschiedsrichter, ein solches Erlebnis am eigenen Leib zu erfahren. Ich kann nur hoffen, dass so auch das größte Ego gelassener und geerdet werden würde – und so deutlich werden würde, welche Worte man in welchem Tonfall Mitmenschen, egal wo, an den Kopf werfen kann. Denn am Ende geht es doch nur darum, dass Groß und Klein auch weiterhin die schönste Nebensache der Welt genießen können.

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