FC Bayern trotzt Real-Mythos - Paris wartet nach Drama-Nacht mit Neuers Schweineball
Nach einer wahrhaft dramatischen Nacht im Europapokal verspüren die Spieler des FC Bayern München bereits das charakteristische Kribbeln vor den beiden Champions-League-Höhepunkten gegen Paris Saint-Germain. Der deutsche Meister in spe setzt nach dem höchst emotionalen Weiterkommen gegen Real Madrid seine Jagd auf das Triple in dieser Saison fort und will im gefühlt vorgezogenen Endspiel gegen den Titelverteidiger aus Frankreich dem europäischen Fußballgipfel wieder ganz nahe kommen.
Nur die allergrößte Aufgabe wartet
„Es gibt jetzt nur die allergrößte Aufgabe“, formulierte Trainer Vincent Kompany den Superlativ vor den beiden Kräftemessen am 28. April in der französischen Hauptstadt und dem Rückspiel in der Münchner Arena am 6. Mai. Der Belgier muss das Hinspiel wegen seiner dritten Gelben Karte von der Tribüne aus verfolgen. „Der Glaube, dass wir das schaffen können, ist da“, betonte Kompany und beschrieb damit die typische Bayern-Mentalität des „Mia san Mia“.
Diesen Glauben haben sich die Münchner in der Königsklasse mit beeindruckender Willenskraft und bemerkenswerter Widerstandsfähigkeit erarbeitet. „Bayern München lässt Real Madrid mit leeren Händen zurück und nimmt ihnen ihren Mythos“, schrieb die spanische Zeitung „Sport“ nach dem 4:3 (2:3) der Bayern im Viertelfinalrückspiel gegen die Königlichen.
Neuers Drama-Nacht mit Schweineball
Manuel Neuer sprach nach dem Spiel von einer echten „Drama-Nacht“ gegen die nach dem Schlusspfiff wegen der Schiedsrichterleistung schäumenden Madrilenen. Dass seine Bayern trotz des 2:1 aus dem Hinspiel ins Wanken gerieten, daran hatte auch der 40-jährige Torwart nur eine Woche nach seiner Weltklasseleistung seinen Anteil.
„Für mich war es schwierig in der Situation, weil ich den Ball zu Stani spielen wollte auf die rechte Seite, ich treffe ihn sehr schlecht. Es war einfach ein Schweineball, den ich gespielt habe“, beschrieb der wechselhafte Neuer seinen folgenschweren Aussetzer beim Versuch des Zuspiels auf Außenverteidiger Josip Stanisic bereits nach 35 Sekunden Spielzeit.
„Das ist natürlich ein blöder Start für mich. Aber ich muss auch versuchen, das wegzustecken und weiterzuspielen, so wie wir es immer machen“, meinte Neuer, dessen Zukunft über diesen Sommer hinaus weiter ungeklärt ist. Damit beschrieb er zugleich eine in dieser Saison hervorstechende Qualität seiner Mannschaft: Diese Bayern können enorm viel einstecken, wie die drei Rückstände im Rückspiel gegen Madrid eindrucksvoll bewiesen.
Charakter und Glaube als Erfolgsgeheimnis
„Wir haben wieder viel Charakter gezeigt, absoluten Glauben und Willen, sich zurück in dieses Spiel zu kämpfen“, sagte Kompany stolz über eine Eigenschaft, die bei seinen Bayern kontinuierlich gewachsen ist. „Du beginnst mit dieser Charaktereigenschaft, diesem Glauben, nicht am 15. April. Wir haben es schon so oft in dieser Saison gezeigt. Das ist ein Teil unserer Mannschaft.“
Seine Verwarnung konnte Kompany zwar nicht nachvollziehen, doch der Belgier fand angesichts des Innenraumverbots schnell seinen Humor wieder. „Ich kann mich in der ersten Halbzeit vielleicht neben Luis Enrique setzen“, meinte er launig über das Hinspiel Ende des Monats. Der Pariser Trainer verfolgt bekanntlich gerne mal die erste Halbzeit seiner Mannschaft von der Tribüne aus, ehe er zum zweiten Durchgang am Spielfeldrand Platz nimmt.
220-Millionen-Euro-Trio als Offensivkraft
Welcher seiner Assistenten ihn im Pariser Prinzenpark während des Spiels als Coach ersetzt, wird Kompany erst nach einer ausführlichen Teambesprechung klären. „Ich mache mir da aber keine Sorgen. Es bleiben die Spieler, die das Spiel entscheiden“, betonte der Trainer.
Gegen Real waren das unter anderem die für zusammen rund 220 Millionen Euro Ablöse verpflichteten Offensivspieler Harry Kane, Luis Díaz und Michael Olise. Dieses hochkarätige Trio erweist sich als sein Geld absolut wert. „Danach wird sich jeder andere Verein die Finger lecken“, meinte Vereinspräsident Herbert Hainer über diese Deluxe-Offensive, die maßgeblich zum Bundesligatorrekord in dieser Saison beigetragen hat.
Von Kane, Díaz und Olise wird gegen PSG erneut so einiges abhängen. Gleiches gilt für Jamal Musiala, der nach seiner langen Verletzungspause nach der Einwechslung gegen Madrid in seinem 50. Champions-League-Spiel die Münchner Offensive deutlich belebte. Für den 23-jährigen Nationalspieler wird Paris ein besonderes Spiel, erlitt er doch bei der Club-WM 2025 beim Viertelfinal-Aus gegen die Franzosen bei einem schweren Zusammenprall mit Torwart Gianluigi Donnarumma einen Bruch des Wadenbeins und eine Verrenkung des Sprunggelenks.
Favoritenrolle bei Paris - aber keine Angst
„Die beiden besten Teams in Europa treffen aufeinander“, befand Mittelfeldspieler Joshua Kimmich nüchtern. „PSG ist mit die beste Mannschaft der Welt“, konstatierte Manuel Neuer respektvoll.
Die Favoritenrolle sehen die Münchner bei Luis Enriques Mannschaft klar verortet. „Wir sind einer der Aspiranten“, sagte Vorstandschef Jan-Christian Dreesen über die bajuwarische Champions-League-Gier. „Wenn einer Favorit ist, dann ist es Paris Saint-Germain.“ Und was für eine Geschichte wäre es, wenn die Bayern auch noch diese Franzosen ausschalten würden, die 2025 ausgerechnet in der Münchner Arena den Champions-League-Titel geholt hatten. Herbert Hainer brachte es auf den Punkt: „Wir müssen uns vor keinem fürchten.“
Bevor sich die Bayern jedoch vollständig auf Paris konzentrieren können, wartet am Sonntag (17.30 Uhr) im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart die mögliche 35. deutsche Meisterschaft. Ein Triumph, der der Mannschaft zusätzlichen Rückenwind für die europäischen Herausforderungen geben könnte.



