Marie-Louise Eta als Pionierin: Die einzige Cheftrainerin in deutschen Männer-Fußballligen
Der 1. FC Union Berlin sorgt derzeit für internationales Aufsehen, doch nicht nur aufgrund sportlicher Leistungen. Mit der Beförderung von Marie-Louise Eta zur Cheftrainerin hat der Bundesligist historische Maßstäbe gesetzt. Die 34-Jährige ist die erste und bisher einzige Frau, die ein Männerteam in der höchsten deutschen Spielklasse trainiert. Ihr erstes Training in Köpenick lockte ungewöhnlich viele Medienvertreter an und löste eine breite Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit im Fußball aus.
Strukturelle Barrieren erschweren den Aufstieg von Trainerinnen
Claudia Neumann, Sportkommentatorin und selbst Pionierin als erste EM-Männerkommentatorin im deutschen Fernsehen, sieht grundlegende Probleme: „Die bestehenden Strukturen sind klar auf männliche Fußballtrainer ausgerichtet und erschweren Frauen systematisch den Einstieg und Aufstieg.“ Das Problem beginne bereits in der Ausbildung. Neumann erklärt: „Im Trainerbereich müssten Lizenzen erworben werden, doch selbst in den vergangenen Jahren gab es nur vereinzelt Alibi-Frauen. Die Anforderungen für den Zugang zu diesen Lehrgängen stellen für Frauen hohe Hürden dar.“
Besonders der Nachweis praktischer Erfahrungen stelle eine Herausforderung dar, weil bereits erste Schritte in diesen Bereich schwer zugänglich seien. Trotz jahrelanger Diskussionen seien Effekte etwaiger Anpassungen bislang kaum spürbar.
DFB-Initiative FF27 zeigt begrenzte Wirkung
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat mit seiner 2021 gestarteten Initiative „FF27“ das Ziel formuliert, die Teilhabe von Frauen im Fußball signifikant voranzutreiben. Doch die Zahlen zeigen ein ernüchterndes Bild:
- Unter den 50 Absolventen, die der DFB in den letzten drei Jahren mit einer Pro-Lizenz auszeichnete, waren nur zwei Frauen
- Sabrina Wittmann von Drittligist Ingolstadt und Eva-Maria Virsinger, die Hoffenheims Bundesligaspielerinnen trainiert
- Selbst in der Frauen-Bundesliga werden nur sechs von 14 Teams von Frauen trainiert
Der DFB verweist zwar darauf, im Vergleich mit anderen europäischen Nationalverbänden die meisten Trainerinnen mit Pro-Lizenz ausgebildet zu haben – insgesamt 31. Doch auf die Frage nach möglichen Quoten bei Lehrgängen gab es keine klare Antwort.
FIFA setzt auf verbindliche Quotenregelungen
Der Weltverband FIFA geht einen anderen Weg und hat eine verbindliche Trainerinnen-Quote beschlossen. Bereits bei der Frauen-WM 2027 muss entweder der Chefcoach oder dessen Assistenz weiblich sein. Bei der Frauen-WM 2023 waren lediglich zwölf der 32 Teamchefs weiblich. In Deutschland zeigt Bundestrainer Christian Wück mit seinen Assistentinnen Maren Meinert und Saskia Bartusiak bereits heute, wie gemischte Trainerteams funktionieren können.
Medienwissenschaftlerin Daniel Schaaf von der Deutschen Sporthochschule Köln erklärt die Widerstände: „Fußball ist die heilige Kuh in Deutschland. Und dort wird eine Frau als Eindringling empfunden und da versucht man eher, sich der Konkurrenz zu entledigen.“
Pionierinnen sehen Fortschritte und Herausforderungen
Marie-Louise Eta reiht sich ein in eine Liste von Frauen, die in den letzten Jahren Pionierarbeit geleistet haben. Dazu gehören:
- Nicole Kumpis, seit 2022 Präsidentin bei Zweitligist Eintracht Braunschweig
- Imke Wübbenhorst, die 2020 als erste Frau nach Inka Grings einen Männer-Viertligisten übernahm
- Jennifer Zietz, Geschäftsführerin Profifußball Frauen beim 1. FC Union Berlin
Imke Wübbenhorst, heute Cheftrainerin des Schweizer Frauen-Erstligisten Young Boys Bern, äußert sich vorsichtig optimistisch: „Man sieht, dass es im Fußball vorangeht.“ Gleichzeitig warnt sie vor negativen Reaktionen im Falle von Misserfolg: „Ich wünsche ihr, dass sie auch die Punkte holt, weil sonst wird es halt immer wieder daran festgemacht werden, dass sie eine Frau ist. Das wäre nicht fair.“
Zwischenmenschliche Herausforderungen und Vorbildfunktion
Lucas Tousart, ehemaliger Spieler von Union Berlin, sieht besondere Herausforderungen im zwischenmenschlichen Bereich: „Sie wird Entscheidungen treffen, klar Stellung beziehen und etwas Abstand schaffen müssen. Das ist eine Rolle, die schwieriger zu bewältigen ist.“
Für Union Berlin war Etas Beförderung eine „logische Konsequenz“. Der Verein nimmt in Sachen Gleichberechtigung eine Vorreiterrolle ein. Die Spielerinnen erhielten bereits in der Regionalliga Verträge, die ihnen ermöglichten, nur vom Fußball zu leben, und absolvierten ihre Heimspiele wie die Männer in der Alten Försterei.
Vincent Kompany, Trainer von Bayern München, betont die Vorbildfunktion: „Das eröffnet Möglichkeiten für kleine Mädchen, die gerade Fußball spielen und nun denken, ich könnte überall Trainerin werden, sehr erfolgreich sein und eine richtige Karriere haben.“
Marie-Louise Etas Aufstieg hat zweifellos historischen Charakter. Doch wie nachhaltig der Effekt sein wird, ob strukturelle Barrieren tatsächlich abgebaut werden und ob weitere Trainerinnen folgen werden – diese Fragen werden sich erst in den kommenden Jahren beantworten lassen. Die Diskussion um Geschlechtergerechtigkeit im Fußball ist damit neu entfacht und wird den Sport noch lange begleiten.



