Marie-Louise Eta schreibt Geschichte als erste Cheftrainerin in der Männer-Bundesliga
Der 1. FC Union Berlin steht plötzlich im internationalen Fokus, nachdem Marie-Louise Eta zur Cheftrainerin befördert wurde. Die 34-Jährige leitet als einzige Frau ein Team in den beiden höchsten deutschen Männer-Ligen und löst damit ein gewaltiges Medienecho aus. Die historische Personalentscheidung wirft grundlegende Fragen nach den strukturellen Barrieren für Frauen im Fußballtrainerbereich auf.
Strukturelle Hürden beginnen bereits in der Ausbildung
Sportkommentatorin Claudia Neumann, die 2016 als erste Frau ein EM-Männerspiel im Fernsehen kommentierte, erklärt: „Die bestehenden Strukturen sind klar auf männliche Fußballtrainer ausgerichtet und erschweren Frauen systematisch den Einstieg und Aufstieg.“ Das Problem manifestiere sich schon während der Lizenzausbildung, wo praktische Erfahrungsnachweise für Frauen besonders schwer zu erlangen seien. Neumann kritisiert, dass selbst in jüngster Vergangenheit nur vereinzelt „Alibi-Frauen“ in den Lehrgängen vertreten waren.
DFB-Initiative FF27 zeigt bislang begrenzte Wirkung
Der Deutsche Fußball-Bund startete 2021 die Initiative „FF27“, um die Teilhabe von Frauen im Fußball signifikant zu fördern. Die Ergebnisse bleiben jedoch ernüchternd: Unter den 50 Absolventen, die in den letzten drei Jahren eine Pro-Lizenz erhielten, befanden sich lediglich zwei Frauen – Sabrina Wittmann vom Drittligisten Ingolstadt und Eva-Maria Virsinger, Trainerin der Hoffenheim-Bundesligaspielerinnen. Selbst in der Frauen-Bundesliga werden nur sechs von vierzehn Teams von Frauen trainiert.
FIFA setzt auf verbindliche Quotenregelungen
Während der DFB Fragen nach möglichen Quoten in Lehrgängen unbeantwortet ließ, beschloss der Weltverband FIFA konkrete Maßnahmen. Ab der Frauen-Weltmeisterschaft 2027 muss entweder der Chefcoach oder dessen Assistent weiblich sein. Bei der WM 2023 waren lediglich zwölf der 32 Teamchefs Frauen. Medienwissenschaftlerin Daniel Schaaf von der Deutschen Sporthochschule Köln erklärt: „Fußball ist die heilige Kuh in Deutschland. Und dort wird eine Frau als Eindringling empfunden.“
Pionierinnen sehen Fortschritte, aber auch Risiken
Imke Wübbenhorst, die 2020 als erste Frau nach Inka Grings einen Männer-Viertligisten übernahm, erkennt positive Entwicklungen: „Man sieht, dass es im Fußball vorangeht.“ Gleichzeitig warnt sie vor möglichen negativen Reaktionen im Falle von Misserfolgen: „Ich wünsche ihr, dass sie auch die Punkte holt, weil sonst wird es halt immer wieder daran festgemacht werden, dass sie eine Frau ist. Das wäre nicht fair.“
Zwischenmenschliche Herausforderungen und Vorbildfunktion
Lucas Tousart, ehemaliger Union-Spieler, der unter Etas Co-Trainerschaft aktiv war, sieht besondere Herausforderungen im zwischenmenschlichen Bereich: „Sie wird Entscheidungen treffen, klar Stellung beziehen und etwas Abstand schaffen müssen. Das ist eine Rolle, die schwieriger zu bewältigen ist.“ Dennoch hat Etas Aufstieg bedeutenden Vorbildcharakter. Vincent Kompany, Trainer von Bayern München, betont: „Das eröffnet Möglichkeiten für kleine Mädchen, die gerade Fußball spielen und nun denken, ich könnte überall Trainerin werden.“
Union Berlin als Vorreiter in Gleichstellungsfragen
Für Union Berlin war Etas Beförderung eine „logische Konsequenz“. Der Verein nimmt in Sachen Gleichberechtigung ohnehin eine Vorreiterrolle ein: Mit Jennifer Zietz gibt es eine Geschäftsführerin Profifußball Frauen, und die Spielerinnen erhielten bereits in der Regionalliga existenzsichernde Verträge. Ob Etas historische Rolle tatsächlich nachhaltige Veränderungen bewirkt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.



