Hertha-Boss Görlich fordert radikalen Wandel: „Größte Transformation im deutschen Fußball“
Peter Görlich (59), seit September 2025 Geschäftsführer von Hertha BSC, steht vor einer monumentalen Aufgabe. In einem exklusiven Interview spricht er offen über die notwendigen Veränderungen beim Berliner Zweitligisten, die defizitären Rahmenbedingungen und seine Vision für die Zukunft des Vereins.
„Ich bin manchmal fast erschüttert über unsere Rahmenbedingungen“
Görlich beschreibt seinen aktuellen Arbeitsstand als Beginn eines umfassenden Transformationsprozesses, der nach außen hin noch kaum sichtbar sei. „Ich bin manchmal fast erschüttert über unsere Rahmenbedingungen“, gesteht der Geschäftsführer. Er hinterfragt kritisch, ob Trainingsplatz, Infrastruktur und Akademie tatsächlich Bundesliga-Standard entsprechen. „Da hätte ich mir etwas anderes gewünscht.“
Der Verein befinde sich in einer schwierigen finanziellen Situation: „Wir sind ein Konsolidierungsklub, mit hohem Verschuldungsstand und negativem Eigenkapital.“ In diesem Zustand sei es nahezu unmöglich, kurzfristig aus eigener Kraft substanzielle Veränderungen herbeizuführen. Stattdessen setze man auf mittelfristige Ziele, die zu 90 Prozent bereits definiert seien.
„Die Zeiten, in denen wir aus dem Füllhorn schöpften, sind vorbei“
Görlich betont die Notwendigkeit eines internen Wandels: „Für mich benötigt Hertha BSC die größte Transformation, also den größten Wandel, mindestens im deutschen Fußball.“ Erfolgreiche Transformationen müssten von innen heraus erfolgen und das Einverständnis aller Mitarbeitenden voraussetzen. Dieser Prozess sei jedoch schmerzhaft, da er bestehende Strukturen infrage stelle und Menschen das Gefühl gebe, dass bewährte Methoden nicht mehr funktionierten.
„Die Zeiten, in denen wir aus dem Füllhorn schöpften, sind leider vorbei“, stellt Görlich klar. Der Verein bewege sich in einer Zug-um-Zug-Situation mit natürlichen Beschränkungen, für die man selbst die Verantwortung trage. Trotz des Veränderungswillens im Verein könne man den nächsten Schritt noch nicht gehen.
Der Berliner Weg: „Ein religiöser Begriff, Demut“
Görlich definiert den Berliner Weg als identitätsstiftendes Vermächtnis mit offenem Charakter. Im Kern stünden Attribute wie Mut, Vielfalt und vor allem Demut. „Das ist ein religiöser Begriff, Demut“, erklärt der Geschäftsführer. Diese Werte bildeten das Gerüst für das operative Handeln des Vereins.
Konkret bedeute dies die Entwicklung eigener Spieler, die idealerweise am Samstag um 15.30 Uhr im Olympiastadion den ersten Ball spielen. Zudem bekenne sich Görlich klar zu 50 plus 1 und einer offenen Kultur im mitgliedergeführten Verein.
Neuer Profi-Kader: „Mehr Ordnung als Wucht oder Dominanz“
Bei der Gestaltung des zukünftigen Profi-Kaders setzt Görlich auf klare Strukturen: „Mehr Ordnung als Wucht oder Dominanz.“ Hertha BSC solle eine Mannschaft werden, die Struktur vor Dynamik stelle. Mit „Hurra-Fußball“, der oft fälschlicherweise mit Spielidentität verwechselt werde, könne man weder aufsteigen noch sich in der Bundesliga halten.
Im Sommer werde der Kader entsprechend nachjustiert, wobei die Grundstabilität in einem 4-2-3-1-System untermauert werden solle. Görlich räumt ein, dass an einigen Stellen maximale Kreativität fehle, betont jedoch: „Wir können keine Ablösen zahlen. Die Phasen sind vorbei.“
Aufstiegschancen: „Täglicher Blick auf die Tabelle nicht meine Hauptaufgabe“
Auf die Frage nach den theoretisch noch möglichen Aufstiegschancen antwortet Görlich pragmatisch: „Wenn ich zu viel auf die Tabelle und das Restprogramm schauen würde, würde ich meine anderen Aufgaben vernachlässigen.“ Die 2. Liga beschreibt er nicht als Chancen-, sondern als Risiko-Liga.
Mit Rang 6 habe man zwar den besten Tabellenstand der letzten drei Jahre erreicht, das Aufstiegsziel jedoch verfehlt. Statt zu spekulieren, stehe nun die Analyse im Vordergrund, warum es nicht geklappt habe. Bei sieben Punkten Rückstand auf Platz drei rücke das Thema Relegation in weite Ferne.
Menschliche Dimension: „Ich mag Menschen. Mögen heißt nicht, Freundschaften suchen“
Görlich beschreibt die Zusammenarbeit mit Kollegen und Gremien als wesentliche Motivation: „Ich glaube, wenn man so einen Job macht, muss man Menschen mögen.“ Dies bedeute jedoch nicht die Suche nach Freundschaften, sondern ein echtes Interesse an den Triebfedern der Menschen.
Die größte Energiequelle sei letztlich der sportliche Erfolg: „Am Ende des Tages ist das Schönste, wenn unsere Mannschaften Spiele gewinnen.“ Ohne diese Energiequelle könne man in dieser anspruchsvollen Position nicht agieren und würde an der Aufgabe zerbrechen.
Görlichs Vision für Hertha BSC ist klar: Ein radikaler Wandel von innen heraus, gestützt auf den Berliner Weg und getragen von einer Mannschaft mit klarer Struktur statt spektakulärer Dominanz. Der Weg dorthin wird jedoch lang und herausfordernd sein.



