HSV-Absturz: Die unbequeme Wahrheit, die keiner wahrhaben will
HSV-Absturz: Die unbequeme Wahrheit

Pfiffe im Volksparkstadion – sie waren nicht laut, aber deutlich hörbar. Nach der 1:2-Heimniederlage gegen die TSG Hoffenheim am Samstagabend ließen einige Zuschauer ihrer Enttäuschung freien Lauf. Die meisten jedoch standen hinter ihrer Mannschaft. „HSV, HSV“, skandierten die treuen Fans auf der Nordtribüne. Dies spiegelt die gemischte Gefühlslage des Bundesliga-Aufsteigers wider: zwischen Frust und Hoffnung.

Besorgniserregende Formkurve

Die Form des HSV ist alarmierend. Die Hamburger kassierten die dritte Niederlage in Folge und gewannen nur eines der vergangenen zehn Ligaspiele. In diesen zehn Partien holte Hamburg lediglich sechs Punkte – kein Team war in dieser Phase erfolgloser. Einziger Lichtblick: Die Verfolger nutzten die Schwächephase des HSV bislang nicht konsequent aus.

Schweres Restprogramm für den HSV

Doch der HSV hat das wohl schwerste Restprogramm aller Teams. Am Samstag geht es auswärts zu Eintracht Frankfurt, eine Woche später folgt das Heimspiel gegen den Europa-League-Halbfinalisten SC Freiburg, und am 34. Spieltag steht der Saisonabschluss bei Bayer Leverkusen an. Auswärtsspiele sind die große Schwäche des HSV: In 15 Partien auf fremden Plätzen gelangen nur zwei Siege – und zwar gegen die Tabellenschlusslichter Heidenheim und Wolfsburg. Im Schnitt kassierte der HSV auswärts zwei Gegentore pro Spiel.

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Der Vorsprung auf den Stadtrivalen FC St. Pauli, der auf dem Relegationsplatz steht, beträgt fünf Punkte bei einem um elf Treffer besseren Torverhältnis. „Wir hatten vor dem Spiel auch fünf Punkte, jetzt haben wir ein Spiel weniger und es sind noch immer fünf Punkte“, wog sich Mittelfeldspieler Nicolai Remberg auf Nachfrage von SPORT1 in Sicherheit. „Es ist egal, wo wir jetzt auswärts spielen. Ich kann nicht sagen, dass wir Schiss davor haben.“

Trügerische Sicherheit

Doch die Sicherheit könnte trügerisch sein. Würde der HSV am 32. Spieltag in Frankfurt verlieren und St. Pauli das Heimspiel gegen den 1. FSV Mainz 05 gewinnen, wäre der HSV für den Stadtnachbarn in Schlagdistanz. „Ob die Situation trügerisch ist oder nicht, spielt in unserer Bewertung keine Rolle. Wir konzentrieren uns nur darauf, was wir beeinflussen können“, sagte Trainer Merlin Polzin zu SPORT1. Dennoch ist ihm bewusst: „Die Bundesliga ist gerade zum Ende der Saison intensiv und verlangt dir alles ab.“

Saisonendspurte entwickeln oft besondere Dynamiken. Manche Mannschaften legen eine überraschende Siegesserie hin, andere finden nicht aus dem Negativstrudel heraus. „Wir wollen das lieber selbst entscheiden, nicht irgendwie hoffen und zu sehr auf die anderen Mannschaften schauen“, stellte Stürmer Robert Glatzel klar und fügte hinzu: „Wir haben noch drei Endspiele vor uns.“ Ein Sieg dürfte gleichbedeutend mit dem Klassenerhalt sein, vielleicht genügt sogar ein Punkt. Doch selbst dieser ist in der aktuellen Verfassung schwer zu erringen.

Fehlerkette und Verletzungspech

Umso wichtiger wäre es, die Gründe für das Formtief zu verstehen. „Es gibt extrem viele Gründe, um ehrlich zu sein“, sagte Polzin und holte aus: „Wir können davon sprechen, dass wir nicht die Leistungen wie in der Hinrunde gezeigt haben. Wir können auch darüber sprechen, dass uns Mannschaften ganz anders wahrnehmen, als sie es noch im ersten Spiel gegen uns getan haben.“

Die Fehlerkette auf dem Spielfeld ist lang. „Wir haben teilweise falsche Entscheidungen getroffen, waren teilweise nicht am Limit, haben teilweise nicht Elf-gegen-Elf gespielt“, zählte der Trainer in Anspielung auf die acht Platzverweise auf – der mit Abstand höchste Wert der Liga.

Hinzu kommt das Verletzungspech. Linksverteidiger und Führungsspieler Miro Muheim erlitt vor einer Woche gegen Werder Bremen eine Sprunggelenksverletzung. Ihm droht das Saison-Aus. Innenverteidiger Luka Vuskovic verpasste die vergangenen drei Spiele wegen einer Knieprellung. Seine Rückkehr ist ungewiss. „Ein Spieler wie Luka Vuskovic wäre wahrscheinlich für die wenigsten Mannschaften in der Bundesliga zu ersetzen“, weiß Polzin. Das Defizit ist erkennbar: Neun Gegentore kassierte der HSV in den zurückliegenden drei Partien. Der Abwehr fehlt jegliche Stabilität.

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Hoffnung auf den Bundesliga-Mai

Und doch ist die Tabellensituation komfortabel – noch. „Wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, dass wir drei Spieltage vor Schluss mit der entsprechenden Punktanzahl vor dem Relegationsplatz stehen. Wir haben etwas dafür getan“, stellte Polzin klar und richtete den Blick nach vorne. „Der Mai ist im Fußball etwas ganz Besonderes. Und wir haben maximal Bock auf diese Phase“, betonte er. Das Ziel ist einzig und allein, die notwendigen Punkte für den Klassenerhalt zu sichern. „Im April haben wir das nicht geschafft. Aber das nächste Spiel findet im Mai statt. Und ich sehe eine Mannschaft und einen Verein, bei dem alle in eine Richtung gehen und den Bock umstoßen wollen.“

Echte Abstiegsangst soll gar nicht erst aufkommen – genauso wenig wie Pfiffe im Volkspark.