Jonas Lappe: Der Deutsche Meister im Amputierten-Fußball, den kaum einer kennt
Jonas Lappe ist ein zweifacher Deutscher Meister und aktiver Nationalspieler. Dennoch dürfte sein Name den meisten Sportfans unbekannt sein. Der Grund: Der 21-Jährige spielt Amputierten-Fußball – eine Sportart, die in Deutschland noch relativ jung ist und im Schatten des Mainstream-Fußballs steht. Im SPORT1-Podcast Deep Dive gewährt Lappe nun Einblicke in seine bewegende Geschichte, seinen Werdegang zum Nationalspieler und erklärt, warum seine körperliche Einschränkung für ihn kein Nachteil darstellt.
Vom Torwart zum Stürmer: Eine ungewöhnliche Karriere
Lappes Fußballreise begann bereits in frühester Kindheit. Im Alter von zwei Jahren musste ihm aufgrund einer Krebserkrankung das linke Bein oberhalb des Knies amputiert werden. Für den jungen Sportler war dies jedoch nie ein Hindernis: „Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, wie sie mit der ganzen Geschichte umgegangen sind. Seit ich mich erinnern kann, war es nichts Besonderes. Es wurde nie zum großen Thema gemacht. In meinen Augen war es nie ein Nachteil“, betont Lappe im Podcast.
Seine Fußballleidenschaft entfaltete sich zunächst im Tor. „Ich wollte halt Fußball spielen, wie alle anderen Jungs mit fünf oder sechs Jahren auch. Und dann war irgendwie klar: Laufen ist nicht so meins, also geht’s ins Tor“, erinnert er sich. Bis zur A-Jugend hütete er das Gehäuse, bevor er schließlich zum Stürmer wechselte.
Die Amputierten-Fußball-Bundesliga: Ein junges Wettbewerbsformat
Seit Januar 2020 spielt Lappe für Fortuna Düsseldorf, wo er sogar das Amt des Mannschaftskapitäns bekleidet. Mit dem Verein gewann er 2022 und 2023 die Deutsche Meisterschaft in der erst 2021 gegründeten Amputierten-Fußball-Bundesliga. Gespielt wird im Format Sechs gegen Sechs plus Torhüter auf einem 60 mal 40 Meter großen Feld. „Das ist so Pi mal Daumen Sechzehner bis Sechzehner“, vergleicht Lappe das Spielfeld mit dem des regulären Fußballs.
Die Regeln sind größtenteils identisch, allerdings kommt die Abseitsregel nicht zur Anwendung. Im Feld spielen beinamputierte Athleten mit Krücken – eine Berührung des Balles mit der Krücke gilt als Handspiel. Im Tor stehen Spieler mit Armverkürzungen oder -amputationen. Die Gründe für die Amputationen sind vielfältig, spielen im sportlichen Kontext jedoch eine untergeordnete Rolle. „Am Ende hat jeder sein Ding. Der eine hat eine Krankheit, der andere einen Arbeitsunfall. Aber das ist eigentlich egal, weil wir sind alle da, um Fußball zu spielen und nicht, um uns gegenseitig zu bemitleiden“, stellt Lappe klar.
Nationalspieler mit großen Zielen
Lappes Leistungen blieben nicht unbemerkt. Kurz vor der EM 2021 erhielt er eine Einladung zum Nationalmannschaftslehrgang und etablierte sich schnell als fester Bestandteil des Teams. Bei der EM in Polen wurde er mit drei Treffern bester deutscher Torschütze. Nun blickt er voller Vorfreude auf die anstehende Weltmeisterschaft in Mexiko im November dieses Jahres. Es wird bereits seine zweite WM-Teilnahme sein.
„Ich glaube einfach, dass da auch was geht. Wir reden jetzt vielleicht nicht unbedingt davon, das Ding zu gewinnen, aber mal ein Ausrufezeichen zu setzen“, zeigt sich Lappe optimistisch. Er und sein Team wollen „ein bisschen für einen WOW-Effekt, für so einen ‚Guck mal, die hatten wir nicht auf dem Schirm‘-Effekt sorgen“.
Größeres Ziel: Paralympische Anerkennung
Ein weiteres, langfristiges Ziel verfolgt Lappe mit großer Leidenschaft: die Aufnahme des Amputierten-Fußballs in das Programm der Paralympischen Spiele. „Es wäre ein unfassbarer Step und saucool, wenn der Sport mal paralympisch werden würde“, schwärmt er. Dieser Schritt würde verbesserte Förderungsmöglichkeiten und eine gesteigerte Professionalisierung der Sportart mit sich bringen.
Der Weltverband WAFF (World Amputee Football Federation) setzt sich bereits aktiv für diese Anerkennung ein. In über 60 Ländern weltweit wird Amputierten-Fußball mittlerweile gespielt. Lappe hofft, dass durch seine Erfolge und sein Engagement mehr Awareness für den Sport geschaffen wird. „Ich finde, dass diese Awareness halt geschaffen werden muss. Es sind einfach Athleten, es sind Sportler“, betont er. Sie stünden vor denselben Herausforderungen wie alle anderen Sportler auch. „Nur weil es Sport mit einem Handicap ist, ist es nicht weniger Leistung in den meisten Fällen“.
Jonas Lappe ist somit nicht nur ein erfolgreicher Fußballer, sondern auch ein Botschafter für Inklusion und die Anerkennung von Behindertensport. Seine Geschichte zeigt, dass Leidenschaft und Talent keine Grenzen kennen – und dass manchmal die unbekanntesten Meister die inspirierendsten Geschichten schreiben.



