Klub-Aufstand gegen DFB-Strafen: Vereine kritisieren Zweckentfremdung von Pyro-Geldern
Klub-Aufstand gegen DFB-Strafen: Kritik an Pyro-Geldern

Klub-Aufstand gegen DFB-Strafen: Vereine kritisieren Zweckentfremdung von Pyro-Geldern

Die Bundesliga-Klubs befinden sich in offener Rebellion gegen die hohen Strafen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für Pyrotechnik-Einsätze in den Stadien. Während die Vereine Woche für Woche immense Summen berappen müssen, wenn ihre Ultras verbotene Feuerwerkskörper zünden, fließen zwei Drittel dieser Gelder an DFB-Stiftungen – eine Praxis, die zunehmend auf scharfe Kritik stößt. In diesem Jahr haben die Strafen bereits die Marke von 2,02 Millionen Euro (inklusive 3. Liga) überschritten, mit stark steigender Tendenz.

Rekordstrafe droht Union Berlin nach Fackel-Feier

Union Berlin steht nach der spektakulären Fackel-Feier im Rahmen einer Geburtstags-Choreo gegen Eintracht Frankfurt, die zu einer Spielunterbrechung führte, als Wiederholungstäter eine Rekordstrafe von bis zu 900.000 Euro bevor. Damit würden die Köpenicker den Hamburger SV, der derzeit die Strafentabelle anführt, deutlich überholen. Der Verein äußerte sich auf SPORT BILD-Anfrage mit Verweis auf ein schwebendes Verfahren nicht zur Pyro-Problematik, aus Sorge, Aussagen könnten negativ ausgelegt werden.

Der zentrale Streitpunkt für alle Klubs: Nur ein Drittel der DFB-Strafen darf in die Stadionsicherheit investiert werden, während zwei Drittel zweckentfremdet an die DFB-Stiftungen weitergeleitet werden. Im Jahr 2025 waren dies sechs Millionen Euro (davon 50 Prozent an die DFL-Stiftung), in den vergangenen vier Jahren summierten sich die Gelder auf insgesamt 21,457 Millionen Euro.

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Klubs beklagen fehlende Abschreckungswirkung

Der Unmut der Vereine wächst angesichts immer höherer Strafen bei gleichzeitig ausbleibender Wirkung. Tarek Brauer, Geschäftsführer Organisation und Personal bei Werder Bremen, verdeutlicht: „Die Strafen liegen bei uns im mittleren sechsstelligen Bereich pro Saison. Dennoch ist bundesweit kein nachhaltiger Rückgang von Pyrotechnik erkennbar. Wenn Millionenbeträge erhoben werden, erwarten wir messbare Wirkung.“

Der FC St. Pauli stellt fest: „Die Strafen haben auf die Fans keine abschreckende Wirkung. Sie bringen nichts, belasten die Vereine aber enorm.“ Auch der HSV kritisiert: „Die Strafen sind für alle Klubs finanziell deutlich spürbar. Entscheidend ist jedoch nicht ihre Höhe, sondern vor allem ihre Wirkung. Reine Abschreckung hat in der Vergangenheit nicht den gewünschten Effekt erzielt.“

Finanzschwache Klubs besonders betroffen

Für finanzschwächere Vereine wie den Zweitligisten 1. FC Magdeburg, der gerade zu einer Strafe von knapp 165.000 Euro verurteilt wurde, stellen die Strafen ein erhebliches Problem dar. Doch der Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) belegt: Die Strafen führen zu keinem Rückgang der Pyro-Vorfälle.

In der Saison 2024/25 wurden 4.783 Pyro-Verstöße in den ersten drei Ligen registriert – ein Plus von 73 Prozent zur Vorsaison! 95 Personen – Polizisten, Ordner, Unbeteiligte und Störer selbst – wurden verletzt. Ein besonders schwerer Unfall ereignete sich im September 2025 in Rostock, wo ein Neunjähriger bei einer Pyro-Show schwerste Verbrennungen erlitt und sich einer Hauttransplantation unterziehen musste.

Arbeitskreis fordert differenzierte Bestrafung

Seit 2024 fordert der „Arbeitskreis Verbandsstrafen“ aus 13 Stammgästen vor dem DFB-Sportgericht eine Evolution der Strafen. Tarek Brauer erläutert: „Es ist ein Unterschied, ob Pyrotechnik als visuelles Stilmittel eingesetzt wird oder ob Böller und Leuchtspurgeschosse Menschen gefährden. Letzteres ist ein Angriff auf die Sicherheit und gehört maximal sanktioniert.“

Die „AG Stadionsicherheit“ aus DFB-, DFL-, Klub- und Fan-Vertretern unter Thomas Bergmann, DFB-Vizepräsident für Recht, beschäftigt sich mit möglichen Änderungen des Strafenkataloges. Ein zentrales Thema: Der Anteil der Strafen, den Klubs in Sicherheit investieren können, soll von einem Drittel auf 40 bis 50 Prozent erhöht werden.

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Prävention statt Überwachung

Im „Arbeitskreis Verbandsstrafen“ sind die Klubs überzeugt, dass zusätzliche Mittel nicht in Video-Überwachung, sondern in mehr Personal im Bereich Fan-Dialog fließen müssen. „Aufklärung und Sozialarbeit bringen viel mehr als weitere Technik“, so die Begründung. Nur so könne die junge Fan-Generation für die Gefahren von Pyrotechnik sensibilisiert werden.

Der FC St. Pauli versucht sogar, „gemeinsam mit allen Beteiligten Wege zu finden, um kontrollierte Pyrotechnik in einem gewissen Rahmen zu legalisieren“. Vorbild könnte Norwegen sein, wo ein Pilotprojekt mit strengen Auflagen erfolgreich verlief. Bundesliga-Bosse stehen einer solchen Lösung jedoch skeptisch gegenüber, da gerade der Reiz des Verbotenen die Ultras antreibe.

Stiftungen profitieren von Strafgeldern

Während die Klubs die Strafen zahlen, profitieren DFB-Stiftungen von den Geldern. Drei Beispiele:

  • Die Sepp-Herberger-Stiftung veranstaltete Fußball-Inklusionstage mit Finalspielen der Blindenfußball-Bundesliga
  • Die Resozialisierung jugendlicher Strafgefangener wird durch wöchentliche Trainingseinheiten gefördert
  • Die Egidius-Braun-Stiftung organisiert Fußball-Ferien-Freizeiten mit politischer Bildungsarbeit
  • Die Stiftung der Nationalmannschaft führte die deutsche Meisterschaft im Straßenfußball der Wohnungslosen durch

Der FC St. Pauli stellt die entscheidende Frage: „Würde der DFB die Stiftungen in gleichem Maße unterstützen können und wollen, wenn die Gebühren niedriger wären?“ Solange diese Frage unbeantwortet bleibt und die Pyro-Vorfälle nicht abnehmen, wird der Konflikt zwischen DFB und Vereinen weiter eskalieren.