Mesut Özil: Die ungelöste Faszination - Warum der Ex-Fußballer Deutschland weiterhin bewegt
Acht Jahre nach seinem lautstarken Bruch mit dem Deutschen Fußball-Bund und dem Rücktritt aus der Nationalmannschaft bleibt Mesut Özil eine der rätselhaftesten und umstrittensten Figuren des deutschen Sports. Fast ein volles Jahrzehnt ist vergangen, seit der Weltmeister von 2014 ein umfassendes Interview auf Deutsch gab. Der heute 37-Jährige soll in Istanbul leben – weit entfernt von seinem Geburtsort Gelsenkirchen im Ruhrgebiet.
Dennoch lässt die Person Özil Deutschland nicht los. Ist es der beispiellose Imagewandel, den kein anderer deutscher Nationalspieler jemals erlebte? Oder reicht seine Geschichte tatsächlich weit über den Fußball hinaus? Die neue ZDF-Dokumentation „Mesut Özil – zu Gast bei Freunden“ greift genau diese Fragen auf und sucht nach Antworten.
Vom gefeierten Helden zur polarisierenden Reizfigur
Özils Karriere begann als vorwiegend sportliche Erfolgsgeschichte. Der elegante Spielmacher, der beim FC Schalke 04 und Werder Bremen seine Profikarriere startete, galt als genialer Regisseur des deutschen Offensivspiels und als Schlüsselspieler beim WM-Triumph 2014 in Brasilien. Für den früheren DFB-Manager Oliver Bierhoff war er „ein Mozart“, für Ex-Bundestrainer Joachim Löw „einer der aller allerbesten Nationalspieler, die Deutschland je hatte“.
Der Enkel türkischer Gastarbeiter wurde zum Symbol eines vielfältigen, modernen Deutschlands und erhielt 2010 sogar den Bambi in der Kategorie „Integration“. Doch dann kam der tiefe Bruch. Nach dem umstrittenen Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dem historischen WM-Aus 2018 schlug die öffentliche Stimmung radikal um. Aus dem einstigen Helden wurde endgültig eine kontroverse Reizfigur. Özil zog sich zurück, erklärte seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft und beklagte öffentlich Rassismus.
Kulturelle Auseinandersetzung mit einer unvollendeten Geschichte
„Die Debatte über seine Bilder mit Erdoğan, seine türkische und deutsche Identität wurden ungewöhnlich hart und lange diskutiert“, erklärt Medienwissenschaftler Christoph Bertling. Gleichzeitig gelte Özil als herausragende Fußballpersönlichkeit. „Ein solches Spannungsfeld von sportlicher Exzellenz, sozialer Verantwortung und politischem Statement bleibt lange in Erinnerung - trotz Schweigens“, so Bertling weiter.
Özils Geschichte ist längst zum Stoff für vielfältige Kulturproduktionen geworden. Noch vor dem ZDF-Dreiteiler, der ab dem 20. März in der Mediathek und am 31. März im TV zu sehen ist, besang Rapper Fler in seinem Song „Stabiler Deutscher“ den Ex-Fußballer. Es existiert eine Podcast-Serie über den früheren Spieler von Real Madrid, und in Bremen läuft das Theaterstück „Der Zauberer von Öz – Eine Fußballtragödie“.
„Das Stück ist unheimlich gut besucht. Das hat natürlich mit der Person Mesut Özil zu tun. Seine Geschichte wurde nie zu Ende erzählt. Die Menschen wollen Antworten“, erklärt Autor Akin Emanuel Şipal. Es gehe um komplexe Themen wie Selbstwahrnehmung, Integration und Identität – Fragen, die viele Menschen in Deutschland tief berührten.
Die ZDF-Doku: Ein gesellschaftliches Spiegelbild
Dass die Dokumentation zur Primetime im Hauptprogramm des ZDF läuft, zeigt deutlich, welche gesellschaftliche Resonanz sich der Sender verspricht. „Ich war überrascht, wie viel gesellschaftlicher Sprengstoff da drinsteckt“, sagt Regisseur Florian Opitz und begründet das anhaltende Interesse: „Özil erzählt einfach so viel über unser Ringen als Gesellschaft. Dass wir uns immer noch nicht richtig entscheiden: Sind wir eine Einwanderungsgesellschaft oder nicht? Wie willkommen heißen wir die Leute, die eigentlich hier geboren sind?“
In der Dokumentation kommen neben Joachim Löw und Oliver Bierhoff auch Weggefährten wie Hamit Altintop und Per Mertesacker zu Wort, ebenso Vater und Ex-Manager Mustafa Özil sowie Berater Erkut Söğüt. Auch Jugendtrainer Norbert Elgert oder Journalist Deniz Yücel sind beteiligt. „Ich war total verwundert, dass zuerst eigentlich niemand vor der Kamera etwas sagen wollte. Es bedurfte viel Überzeugungskraft“, berichtet Opitz und spricht von einer Geschichte, die die Gemüter aller Deutschen errege.
Özil selbst lehnte Interviews nach Senderangaben ab. Auch auf Anfragen gab es keine Rückmeldung. „Mesut ist einfach nur verletzt, weil er nicht die Geborgenheit von dem Land bekommen hat, wo er Weltmeister geworden ist“, berichtet sein Vertrauter Altintop und stellt klar: „Keiner kennt ihn.“
Vom Fußballrasen in die politische Arena
2023 beendete Özil seine aktive Karriere in der Türkei. Wenn er in diesen Tagen in Erscheinung tritt, dann meist aufgrund politischer Botschaften und seiner engen Verbindung zu Erdoğan. Der türkische Staatschef war Özils Trauzeuge, und seit dem Vorjahr ist der Ex-Fußballer auch Mitglied in einem Führungsgremium von Erdoğans Partei AKP.
2023 löste erneut ein Foto öffentlichen Wirbel aus. Auf Özils Brust war eine Tätowierung zu sehen, die drei Halbmonde und einen heulenden Wolf zeigt – Symbole der sogenannten „Grauen Wölfe“. Als „Graue Wölfe“ werden die Anhänger der rechtsextremistischen „Ülkücü-Bewegung“ bezeichnet, die auf einer nationalistischen, antisemitischen und rassistischen Ideologie fußt, wie der deutsche Verfassungsschutz erklärt.
Die anhaltende Faszination für Mesut Özil zeigt, dass seine Person weit mehr ist als nur ein ehemaliger Fußballstar. Er bleibt eine Projektionsfläche für grundlegende gesellschaftliche Debatten über Identität, Integration und das Selbstverständnis Deutschlands als Einwanderungsgesellschaft – Fragen, die auch fast ein Jahrzehnt nach seinem Rücktritt noch immer nicht abschließend beantwortet sind.



