Nagelsmanns unkonventionelle WM-Vorbereitung: Charakter und Torjubel im Fokus
Bundestrainer Julian Nagelsmann bereitet sich mit ungewöhnlichen Kriterien auf die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer vor. Neben klassischen Leistungsdaten und Statistiken legt der 38-Jährige besonderen Wert auf Charaktereigenschaften und sogar das Jubelverhalten seiner Spieler. In einem exklusiven Interview mit dem „Kicker“ kündigte Nagelsmann überraschende Personalentscheidungen an, die möglicherweise nicht auf breites Verständnis stoßen werden.
Leon Goretzka als Schlüsselfigur trotz Reservistenrolle
Ein prominentes Beispiel für Nagelsmanns unkonventionelle Herangehensweise ist die geplante Rolle von Leon Goretzka. Der 31-jährige Bayern-Profi, der im Sommer den FC Bayern München verlassen wird und unter Trainer Vincent Kompany zuletzt häufig nur als Reservist zum Einsatz kam, soll beim WM-Turnier in den USA, Mexiko und Kanada eine wichtige Funktion übernehmen. „Stand jetzt wird Leon Goretzka, trotz weniger Spielzeit bei Bayern, gute Chancen haben, zu spielen und eine ähnliche Rolle zu haben wie in der WM-Quali“, erklärte Nagelsmann.
Der Bundestrainer begründet diese Entscheidung mit Goretkas spezifischem Profil: „Er ist ein richtig stabiler, zweikampfstarker Sechser, der auch in den Sechzehner geht, kopfballstark ist und eine gute Wucht mitbringt.“ Dieses Spielerprofil sei im DFB-Kader sonst kaum vorhanden, da andere Spieler wie Pascal Groß, Angelo Stiller, Aleksandar Pavlovic, Felix Nmecha oder Robert Andrich eher ballorientierte Typen seien.
Charaktereigenschaften als entscheidender Faktor
Nagelsmann betonte, dass für die WM-Kaderzusammensstellung nicht nur fußballerische Qualitäten, sondern auch charakterliche Eignung eine zentrale Rolle spielen. „Du musst extrem darauf achten, wie ein Spieler damit umgeht, wenn er bei uns Kaderplatz 15 oder 16 ist, obwohl er bei seinem Verein als Top-6-Mann gilt, der immer spielt“, so der Bundestrainer.
Er verwies auf die Erfahrungen aus den Lehrgängen des vergangenen Jahres und erklärte: „Du hast eben gewisse Charakterzüge und Charaktermerkmale, die dir dazu verhelfen, ein guter Stammspieler zu sein, die dir aber eben nicht helfen, Kaderplatz 15 oder 16 zu sein.“ Die Fähigkeit, in eine solche Rolle hineinzuwachsen, sei für Nagelsmann ein wichtiges Auswahlkriterium.
Torjubel als Indikator für Spielermotivation
Ein besonders ungewöhnliches Bewertungskriterium nannte Nagelsmann im Zusammenhang mit der Spielermotivation: „Wenn ich sehe, ein Spieler schießt ein Tor und jubelt nicht richtig, dann ist das für mich ein Marker, dass da irgendwas nicht stimmt. Wenn ich so etwas bei einem Spieler von uns feststelle, notiere ich es.“
Der Bundestrainer begründete diese Herangehensweise emotional: „Wenn du dich über ein Tor nicht mal mehr richtig freust, dann kannst du Fußball eigentlich seinlassen, weil das das Salz in der Suppe ist.“ Nagelsmann vermisst in normalen Bundesligaspielen „so ein bisschen die Emotionalität bei den sogenannten einfachen Siegen oder einfachen Toren“. Als positives Beispiel nannte er die Emotionalität bei den Olympischen Winterspielen, die er als herausragend empfand.
Baustellen im Kader und nächste Schritte
Als aktuelle Baustellen identifizierte Nagelsmann die Mittelstürmer-Position und die linke Innenverteidigung. Über Niclas Füllkrug vom AC Mailand sagte er: „Er war lange Zeit raus, spielt jetzt immer mal 20, mal 30 Minuten, hat aber aktuell leider keine Quote und wenig Spielzeit.“ Tim Kleindienst von Borussia Mönchengladbach sei seit langem verletzt, und sein Comeback stehe noch in den Sternen.
In der Innenverteidigung ist Nico Schlotterbeck vom BVB der einzige Linksfuß. „Schlotti ist ein unfassbar wichtiger Spieler. Trotzdem müssen wir uns darauf vorbereiten, was passiert, wenn er mal nicht spielen kann“, erklärte Nagelsmann.
Ende März stehen zwei Testspiele gegen die Schweiz und Ghana an. In diesem Rahmen will Nagelsmann bereits die Rollengespräche für das WM-Turnier führen. „Der Kader wird dem, mit dem wir zur WM reisen wollen, schon sehr ähneln“, verriet der Bundestrainer. Die endgültigen Entscheidungen werden jedoch weiterhin für Überraschungen sorgen, wie Nagelsmann deutlich machte.



