Nagelsmann als Hoffnungsträger für deutschen WM-Erfolg
Trotz zweier verdienter Testspielsiege gegen Ghana und die Schweiz gerät Bundestrainer Julian Nagelsmann zunehmend in die Kritik. Einige Vorwürfe sind durchaus berechtigt, viele jedoch maßlos überzogen. Ein Trainerwechsel nur 75 Tage vor dem ersten WM-Spiel gegen Curaçao wäre der absolute Wahnsinn und bedeutete das sichere Ende aller Titelträume, kommentiert Martin Deck in seiner aktuellen Analyse.
Das Vorbild aus dem Basketball
Das leuchtende Beispiel ist verlockend deutlich. Gordon Herbert führte als Bundestrainer im September 2023 die deutsche Basketball-Nationalmannschaft völlig überraschend zum WM-Titel – mit einer klaren Rollenverteilung als Erfolgsrezept. Drei Jahre später möchte Julian Nagelsmann dieses Kunststück wiederholen und die deutschen Fußballer zum fünften Stern coachen.
Das Konzept ist identisch: Jeder Spieler erhält eine eindeutige Funktion und einen präzisen Arbeitsauftrag. Dies soll Automatismen schaffen und die Mannschaftsstimmung ohne das übliche Gerangel um Startplätze verbessern. Soweit die theoretische Grundlage, die in der Praxis jedoch auf Widerstand stößt.
Kritikpunkte und deren Gewichtung
Dass Nagelsmann trotz zunehmender Kritik unbeirrt an seinen festgelegten Rollen festhält, zeigt seine Überzeugung von diesem Konzept. Gleichzeitig führt dies dazu, dass zweieinhalb Monate vor WM-Start intensiv über seine Eignung als Bundestrainer diskutiert wird.
Die Kritik ist in Teilen berechtigt: Seine frühzeitige Festlegung auf bestimmte Spieler und die damit verbundene Abkehr vom ursprünglich ausgerufenen Leistungsprinzip sind fragwürdig. Auch seine öffentliche Herabwürdigung des aktuell besten deutschen Stürmers Deniz Undav bei gleichzeitigem Lob für schwächelnde Akteure wie Leroy Sané oder Leon Goretzka wirkt befremdlich.
Dennoch wäre die Forderung nach seiner sofortigen Ablösung völlig überzogen. Die Frage, wer es denn besser machen sollte, bleibt bei solchen Forderungen meist unbeantwortet.
Nagelsmanns bisherige Erfolgsbilanz
Statt emotionaler Reaktionen ist eine nüchterne Betrachtung angebracht: Nagelsmann hat sich als absoluter Fachmann erwiesen, und sein Konzept der klaren Rollenverteilung ist kein spontaner Einfall, sondern Ergebnis monatelanger Überlegungen.
Bei der Heim-EM formte er mit derselben Idee eine starke Mannschaft und löste trotz des Viertelfinal-Aus eine bemerkenswerte Euphorie in Deutschland aus. In den beiden jüngsten Testspielen gegen die Schweiz und Ghana – die man angesichts der aktuellen Diskussionen fast vergessen könnte – waren neben unbestreitbaren Schwächen auch viele positive Ansätze zu erkennen.
Besonders bemerkenswert: Diese Leistungen wurden erbracht, obwohl noch wichtige Stützen in Nagelsmanns Planungen fehlten.
Der Blick richtet sich auf den Sommer
Entscheidend sind nicht die Testspiele im März, sondern die WM-Partien im Sommer. Bis dahin hat der Bundestrainer noch ausreichend Zeit, sowohl an seinem Konzept als auch an seiner Kommunikation zu arbeiten. Sollte ihm dies gelingen, ist ein ähnlicher Coup wie der der Basketballer vor drei Jahren durchaus im Bereich des Möglichen.
Die deutsche Fußballnation sollte ihrem Bundestrainer diese Chance geben, statt in vorzeitiger Panik zu verfallen. Die Alternative wäre ein sicherer Weg ins sportliche Desaster.



