Vom Unsichtbaren zum Lautsprecher: Hans Sarpeis persönlicher Weg
Im SPORT1-Podcast Deep Dive öffnet sich der ehemalige Bundesliga-Profi Hans Sarpei auf bemerkenswerte Weise. Der heute 49-Jährige, der in Ghana geboren wurde und mit drei Jahren nach Deutschland kam, spricht offen über seine prägende Erziehung in Köln-Chorweiler, alltäglichen Rassismus und die entscheidende Erkenntnis, dass Schweigen keine Lösung darstellt.
Eine Erziehung der Unsichtbarkeit
„Unsichtbar sein, nicht auffallen.“ Mit diesen Worten beschreibt Sarpei die Leitlinie, die ihm seine Eltern mit auf den Weg gaben. In Köln-Chorweiler aufgewachsen – einem Viertel mit Hochhäusern, vielen Einwandererfamilien und begrenzten Perspektiven – lernte er früh die Härten des Lebens kennen. „Da gab es Gangs. Einige haben Drogen verkauft oder genommen“, erzählt Sarpei. Doch statt zu verurteilen, entwickelte er bereits in jungen Jahren eine tiefe Empathie und fragte sich stets: „Warum ist das so? Wie ist er da reingerutscht?“
Die elterliche Mahnung, „nicht negativ auffallen und unsichtbar bleiben“ zu wollen und als Jugendlicher „nichts mit der Polizei zu tun zu haben“, war vor allem ein Schutzmechanismus im Deutschland der Achtziger- und Neunzigerjahre. „Damals war die Angst einfach zu groß, durch die Hautfarbe ins Abseits gestellt zu werden“, reflektiert Sarpei. Dieses Gefühl sei damals zwar nicht bewusst gewesen, „aber das war in meinem Körper schon drin, in der DNA“.
Der Widerspruch der Profikarriere
Selbst als seine Fußballkarriere 1999 beim SC Fortuna Köln begann und ihn später zu Bundesliga-Vereinen wie Wolfsburg, Leverkusen und Schalke führte, blieb Sarpei zunächst in diesem Modus der Zurückhaltung gefangen. Ein deutlicher Widerspruch tat sich auf: Auf dem Platz musste er durch Leistung auffallen, abseits davon versuchte er, möglichst leise zu bleiben. „Es ist was anderes, wenn du auf dem Platz bist. Dann gibst du Gas, dann musst du dich zeigen für die Mannschaft. Aber außerhalb versuchst du, keinem ans Bein zu pissen“, beschreibt er diese Dualität.
Dass diese Haltung über Jahre anhielt, lag für Sarpei auch am Fehlen entsprechender Vorbilder. „Damals haben Anthony Yeboah und Jay-Jay Okocha gespielt. Das waren die zwei, drei Vorbilder, aber die waren auch nicht laut“, erinnert er sich. Sie hätten ebenfalls versucht, primär durch Leistung zu glänzen, was Sarpei lange Zeit nachahmte: „Dass dich die Leute nur danach bewerten, nichts anderes.“
Der Wendepunkt: Vom Schweigen zur lauten Stimme
Doch irgendwann begann sich etwas in ihm zu verändern. Der Wunsch, nicht länger unsichtbar und leise zu sein, wurde stärker. „Ich habe gecheckt, dass man laut sein muss und anecken muss“, sagt Sarpei über seinen persönlichen Wendepunkt, der erst „viel später“ erfolgte. Heute spricht der ehemalige ghanaische Nationalspieler offen und reflektiert über Rassismus, Ausgrenzung und das Unsichtbarsein – stets mit Blick auf die nächste Generation.
„Wir müssen unsere Kinder schützen, dass sie solche Sachen nicht so extrem erfahren“, betont er. Gleichzeitig ist ihm bewusst: „Es wird immer irgendeinen Idioten geben, der irgendein Kind rassistisch beleidigt.“ Die Antwort sieht Sarpei in Bildung und Begegnung: „Dass wir im Kindergarten, in der Schule anfangen, Verbindungen zu schaffen.“
Unwissenheit als Kernproblem
Für Sarpei war Unwissenheit stets ein zentrales Problem. „Das war das Problem von früher. Die wussten, der kommt aus Ghana. Aber die wussten nicht, was Ghana ist. Was die machen, was die essen, was deren Kultur ist“, erklärt er mit Blick auf seine eigene Erfahrung. Wissen schaffe hingegen Nähe und Verständnis.
Trotz aller Herausforderungen blickt Sarpei optimistisch in die Zukunft: „Hoffnung gibt es immer. Die Hoffnung ist, dass wir überhaupt erst einmal so weit sind, dass wir darüber reden. Dass ich sage: Wir müssen laut werden.“ So hat sich Hans Sarpei vom unsichtbaren Jungen aus Köln-Chorweiler über den zunächst stillen Profi zum sichtbaren und lauten Mahner entwickelt – ein Weg, der viele zum Nachdenken anregen sollte.



