Schachgroßmeister veröffentlicht versehentlich Eröffnungsgeheimnisse vor Kandidatenturnier
Schachgroßmeister veröffentlicht Eröffnungsgeheimnisse versehentlich

Schachgroßmeister veröffentlicht versehentlich Eröffnungsgeheimnisse vor Kandidatenturnier

Die Eröffnungsvarianten von Schachgroßmeistern gelten als heilig und werden streng geheim gehalten. Umso erstaunlicher ist der Vorfall, der sich nun beim 20-jährigen Javokhir Sindarov ereignet hat. Ausgerechnet vor dem wichtigsten Turnier seiner Karriere, dem Kandidatenturnier auf Zypern, das über die Qualifikation zur Schachweltmeisterschaft entscheidet, hat der usbekische Großmeister einen Teil seiner Eröffnungsvorbereitung versehentlich öffentlich zugänglich gemacht.

Ein folgenschwerer Technikpatzer

Fans entdeckten auf der Plattform Reddit Screenshots und Videos, die Sindarovs Account auf der Schachplattform Lichess.org zeigten. Unter dem Namen SindarovGM hatte er dort zahlreiche sogenannte Studien veröffentlicht, in denen Zugabfolgen gespeichert und kommentiert werden können. Diese Dateien waren für alle einsehbar und enthielten unter anderem Pläne für das Marshall Gambit, eine Variante des abgelehnten Damengambits. Genau diese Eröffnung setzte Sindarov in der fünften Runde des Kandidatenturniers gegen den US-Großmeister Hikaru Nakamura ein.

Glück im Unglück: Nakamura hatte die öffentlichen Dateien offenbar nicht entdeckt und ging in der Partie völlig unter. Mittlerweile sind die Studien nicht mehr öffentlich zugänglich, doch der Schaden hätte beträchtlich sein können. In der Schachwelt werden solche Eröffnungsgeheimnisse oft über Jahre hinweg entwickelt und gelten als entscheidender Wettbewerbsvorteil.

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Sindarov bleibt gelassen und führt das Turnier an

Überraschenderweise scheint der Vorfall Sindarov nicht beeinträchtigt zu haben. Nach acht von vierzehn Runden führt er das Kandidatenturnier mit zwei Punkten Vorsprung an und gilt nun als Favorit auf den Turniersieg. Sollte er gewinnen, würde er eine Herausforderung gegen den amtierenden Weltmeister Dommaraju Gukesh erhalten.

Auf Nachfragen zu den öffentlichen Dateien reagierte Sindarov gelassen. „Das war keine große Sache, denn ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich diese Studien das letzte Mal geöffnet habe“, erklärte er nach einer Partie am Dienstag. Die veröffentlichten Informationen seien veraltet und nicht mehr Teil seiner aktiven Vorbereitung.

Historische Vorfälle und Reaktionen

Der britische Großmeister David Howell zeigte sich beeindruckt von Sindarovs Reaktion: „Ich wäre total ausgeflippt und hätte die Nerven verloren, wenn mir das passiert wäre. Sindarov aber ist locker geblieben – und das ist eine Kunst für sich.“

Tatsächlich sind solche Technikfehler in der Schachwelt nicht einzigartig:

  • Bei der Weltmeisterschaft 2018 wurde in einem Video versehentlich ein Teil der Eröffnungsvorbereitung von Fabiano Caruana gezeigt, der gegen Magnus Carlsen antrat und das Match verlor.
  • 2023 entdeckten Fans Trainingspartien des Chinesen Ding Liren auf Lichess, die seine WM-Eröffnungen vorwegnahmen. Dennoch gewann Ding Liren die Weltmeisterschaft gegen Jan Nepomnjachtchi.

Experten vermuten, dass die öffentlich gewordenen Daten nur einen kleinen Ausschnitt von Sindarovs umfangreicher Vorbereitung darstellen. Normalerweise umfasst die Eröffnungsvorbereitung Hunderte oder Tausende von Zügen, und Großmeister nutzen oft mehrere Schachprogramme parallel.

Ausblick auf das Kandidatenturnier

Neben Sindarov nimmt auch der deutsche Großmeister Matthias Blübaum am Kandidatenturnier teil, der mit einem Supercomputer trainiert. Das Turnier auf Zypern bleibt spannend, da Sindarov trotz des Patzers seine Führungsposition behaupten konnte. Ob seine Gelassenheit ihm zum Sieg verhilft, wird sich in den kommenden Runden zeigen.

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