Die 17 grotesken Sekunden, die Bundesliga-Geschichte schrieben
Die Bundesliga musste 55 Jahre alt werden, um ein neues Kapitel aufzuschlagen, das sich kein Drehbuchautor hätte ausdenken können. Am 16. April 2018 wurden Spieler aus der Kabine zurückgeholt, nur um bei einem Elfmeter Spalier zu stehen – nachdem die Halbzeitpause bereits begonnen hatte.
Ein Montagsspiel voller Protest und Absurdität
Im Frühjahr 2018 bot die Bundesliga vieles, was das Fan-Herz nicht unbedingt begehrte. Die Bayern waren fünf Spiele vor Schluss bereits Meister, der Spieltag endete erst am Montagabend, und unsichtbare Menschen in einem Kölner Keller entschieden über Tore, Elfmeter und Platzverweise. Der VAR war in seiner Testphase bei den Fans längst durchgefallen.
An jenem 16. April 2018 im Mainzer Stadion protestierten 26.407 Zuschauer und Ultras beider Fanlager mit Trillerpfeifen gegen den modernen Fußball. Selbst der Stadionsprecher bezeichnete den Montag als „einen Scheißtag zum Fußballspielen“. Doch was folgte, übertraf alle Erwartungen an Absurdität.
Die Halbzeitpause, die keine war
Beim Stand von 0:0 pfiff Schiedsrichter Guido Winkmann die erste Hälfte ab. Kurz zuvor hatte Freiburgs Marc-Oliver Kempf den Ball im Strafraum an die Hand bekommen – ein Foul, das Winkmann entgangen war. Die Spieler gingen in die Kabinen, die Zuschauer zu den Würstchenständen.
Nur Bibiana Steinhaus, an diesem Tag die Video-Assistentin, machte keine Pause. Sie erkannte ein eindeutiges Handspiel und informierte Winkmann. Laut VAR-Regel 8.13 muss der Schiedsrichter noch auf dem Platz sein, wenn er auf einen VAR-Hinweis reagieren soll. Winkmann hatte ihn bereits verlassen, befand sich aber noch im Innenraum.
Wegen der Trillerpfeifen-Proteste habe er das Veto von Steinhaus nicht sofort hören können, hieß es später. Also ging er verspätet an den Bildschirm in der Review-Area. Weil er zuvor nicht mehr auf dem Spielfeld stand, dachten die Freiburger kurz über Protest nach – ließen es dann aber bleiben.
Die Rückholaktion und ihre Folgen
Was folgte, war eine Szene, die bis heute sinnbildlich für die VAR-Debatte steht. Winkmann musste die Spieler zurück auf den Platz holen. „Wir gehen nicht wieder raus“, wurde aus den Kabinen gerufen. Meuterei lag in der Luft, aber der Arm des Fußballgesetzes erwies sich als stärker.
Nach sieben Minuten Verwirrung standen alle wieder auf dem Platz – für genau 17 groteske Sekunden. Pablo de Blasis verwandelte den kuriosesten Elfmeter der Bundesligageschichte. Hunderte Fans an den Getränke- und Würstchenständen bekamen nichts mit, nur die plötzlich einsetzende Tormusik verwunderte sie.
SCF-Sportchef Jochen Saier wunderte sich: „Wir dachten, wenn zur Halbzeit gepfiffen wird, ist ein Haken dran. Es wird immer kurioser.“ Eurosport-Experte Matthias Sammer war entsetzt: „Das habe ich so auch noch nicht erlebt. Im Regelwerk ist es auch diskutabel.“
Ein bleibendes Vermächtnis
Obwohl Mainz das Spiel 2:0 gewann – mit einem weiteren Tor von de Blasis – wurde noch Jahre später nur von diesem ersten Tor und seiner absurden Vorgeschichte gesprochen. Beim nächsten Heimspiel des FSV Mainz war ein Transparent zu sehen: „Bitte bleiben Sie in der Halbzeit auf ihren Plätzen. Sie könnten ein Tor verpassen.“
Diese Szene lieferte mehr Argumente denn je, sich vom VAR zu trennen – obwohl dem Ärger nicht mal eine Fehlentscheidung zugrunde lag. Es fühlte sich einfach grundfalsch an. Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic stänkerte damals: „Das ist nicht mehr mein Fußball.“
Die 17 Sekunden vom 16. April 2018 bleiben ein Denkmal für die Geburtswehen des Videobeweises in der Bundesliga – eine Farce, die zeigte, wie Technologie und Tradition im Fußball kollidieren können.



