Italienisches WM-Fiasko löst politische Erdbeben aus: Verbandspräsident Gravina tritt zurück
WM-Fiasko in Italien: Verbandspräsident tritt zurück

Italienisches WM-Fiasko löst politische Erdbeben aus

Das Scheitern der italienischen Nationalmannschaft bei der WM-Qualifikation hat in Italien erste gravierende Folgen. Aus dem anfänglichen Entsetzen der Fans ist mittlerweile handfeste politische Wut geworden. Die Fußball-Schande weitet sich zu einer regelrechten Staatsaffäre aus, die selbst das Parlament in Rom beschäftigt.

Politische Intervention und Rücktrittswelle

Ministerpräsidentin Giorgia Meloni soll im Parlament über den Verfall des traditionell starken „Calcio“ sprechen. In seltener Eintracht drängten sowohl Regierung als auch Opposition auf den Rücktritt des Verbandspräsidenten Gabriele Gravina. Dieser gab dem massiven Druck nach und stellte sein Amt am Donnerstag zur Verfügung. Für den 22. Juni sind nun Neuwahlen im italienischen Fußballverband FIGC angesetzt.

Wenig später reichte auch Sportchef Gianluigi Buffon, die italienische Torwart-Legende, seinen Rücktritt ein. Die ersten Schritte der Aufarbeitung des sportlichen Desasters sind damit getan, doch Experten sind sich einig: Das war sicherlich noch nicht alles.

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Tiefgreifende strukturelle Probleme

Die drei Playoff-Niederlagen gegen Schweden, Nordmazedonien und Bosnien haben die stolze Fußball-Nation tief getroffen. Nun soll kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. „Tiefgreifende Reformen“ fordert der Weltmeister von 1982, Giuseppe Bergomi. In einem Interview kratzte er sogar am Heiligen Gral des italienischen Catenaccio: In Italien werde zu defensiv gespielt!

Die Analysen zeigen übereinstimmend, dass die Probleme tief und strukturell bedingt sind. Sportminister Andrea Abodi sagte deutlich: „Es ist offenkundig, dass der Fußball neu aufgebaut werden muss.“ Dieser Prozess müsse „mit der Erneuerung der Verbandsspitze beginnen“.

Kritik an Infrastruktur und Spielerpolitik

Während die Politik die Schuldigen im Fußball sucht, hat UEFA-Präsident Aleksander Čeferin einen anderen Rat: „Schaut doch mal in den Spiegel.“ Die Politiker trügen mehr Schuld als Gravina, der sein erster Vize-Präsident bei der UEFA ist. Čeferin kritisierte scharf: „Ihr habt hier eine der schlechtesten Fußball-Infrastrukturen Europas.“

Gemeint sind damit die maroden Stadien. Andererseits gibt es eine bedenkliche Fixierung auf ausländische Profis in der Serie A. Die AC Mailand stellte zuletzt nur einen Italiener in die Startelf, Tabellenführer Inter Mailand und Meister SSC Neapel jeweils nur zwei. Nach 30 Spieltagen hat der beste einheimische Schütze der Serie A lediglich acht Tore erzielt.

Zum Vergleich: In Deutschland boten Bayern München, Borussia Dortmund und der VfB Stuttgart am vergangenen Bundesliga-Spieltag zusammen 16 Deutsche von Beginn an auf. Sechs Deutsche haben nach 27 Spieltagen acht oder mehr Tore erzielt.

Debatte über Sonderregeln und Zukunftsperspektiven

Kein Wunder also, dass der italienische Senatspräsident Ignazio La Russa eine Prozent-Regel ins Gespräch bringt. Die Vereine sollten verpflichtet werden, mindestens vier italienische Spieler über die gesamte Spielzeit einzusetzen. Aktuell würden nicht einmal Milan, Inter und Napoli diese Hürde reißen.

Als aussichtsreicher Kandidat für Gravinas Nachfolge gilt Giovanni Malagò, der ehemalige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (CONI). Auch populäre Namen für den Trainerposten werden gehandelt, darunter Napoli-Coach Antonio Conte oder Roberto Mancini, Italiens Europameistertrainer von 2021.

Die italienische Sportzeitung Gazzetta dello Sport warnte bereits: „Wenn wir 2030 die vierte Ohrfeige vermeiden wollen, müssen wir uns beeilen.“ Vor fünf Jahren war Italien noch das heißeste Eisen im europäischen Fußball. Heute listen die Medien die schlimmsten Blamagen auf, beginnend mit der Niederlage gegen Nordkorea bei der WM 1966 – seitdem heißt eine schändliche Pleite in Italien „una corea“.

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