ZDF-Sportchef Yorck Polus im ausführlichen Interview zur Fußball-Weltmeisterschaft
Der Leiter der ZDF-Sportredaktion, Yorck Polus, blickt im Gespräch auf die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft in den USA. Der 55-jährige erfahrene Sportjournalist äußert sich deutlich zu politischen Kontroversen, technischen Herausforderungen und den Erwartungen an die deutsche Nationalmannschaft.
Boykott-Debatte und politische Dimension des Turniers
„Bei uns gibt es keinen Plan B für einen Boykott“, stellt Polus klar. Gleichzeitig betont er, dass internationale Sportgroßereignisse wie eine Fußball-WM immer auch politisch seien. „Die politische Dimension, die diesem Turnier zugewiesen wird, werden wir in unserer Berichterstattung abbilden“, so der ZDF-Sportchef. Die starke Politisierung der WM habe im Vorfeld wohl die wenigsten erwartet.
Zur Person Donald Trumps merkt Polus an: „Die Unberechenbarkeit scheint das einzig Vorhersehbare beim aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten zu sein.“ Dennoch halte er eine weitere Eskalation der Partnerschaft zur WM für wenig sinnvoll.
Technische und organisatorische Herausforderungen
Die WM-Berichterstattung stellt das ZDF vor besondere logistische und finanzielle Herausforderungen. „Redaktionell und technisch werden wir vor Ort so smart und effektiv aufgestellt sein wie nie zuvor“, erklärt Polus. Das technische Rückgrat bilde dabei das ZDF-Sendezentrum in Mainz, während das WM-Studio in Deutschland bleiben werde.
Die Aufstockung auf 48 Mannschaften bewertet Polus kritisch: „Aus Sicht der Medienschaffenden ist das mittlerweile zu groß geworden.“ Nur durch partnerschaftliche Zusammenarbeit sei diese Herausforderung noch zu bewältigen.
Zusammenarbeit mit Magenta TV und Experten-Frage
Die Zusammenarbeit mit der Telekom und deren Streaming-Angebot Magenta TV beschreibt Polus als „normale Verhandlungsgespräche: freundlich, fair und dennoch hart in der Sache“. Mit 60 Spielen beim ZDF sei man genau richtig aufgestellt, auch wenn 44 Partien exklusiv bei Magenta TV zu sehen sein werden.
Zur Experten-Riege der Konkurrenz mit Jürgen Klopp, Mats Hummels und Thomas Müller sagt Polus kollegial: „Magenta hat da eine tolle Riege zusammengestellt.“ Das ZDF setze jedoch bewusst auf Kontinuität mit Christoph Kramer, Per Mertesacker und Fritzi Kromp.
Die Bedeutung des DFB-Erfolgs und zeitliche Herausforderungen
„Das Abschneiden der deutschen Mannschaft ist letztlich das Entscheidende“, betont Polus zur Bedeutung des DFB-Erfolgs für die Zuschauerakzeptanz. Wenn die ersten Spiele gut liefen, werde Fußball-Deutschland mitjubeln.
Die Zeitverschiebung und späten Anstoßzeiten stellen besondere Herausforderungen dar. „Spiele, die zu nachtschlafender Zeit stattfinden, sind für den deutschen Markt sicherlich von geringerer Bedeutung“, so Polus. Die 15 unterschiedlichen Anstoßzeiten hätten zu deutlichen Irritationen geführt.
Kritik an FIFA und Blick auf den Sport allgemein
Zur demonstrativen Nähe von FIFA-Chef Gianni Infantino zu Donald Trump äußert sich Polus zurückhaltend, betont aber: „Wir berichten selbstverständlich kritisch und sprechen Probleme klar und deutlich an.“ Die Auslosung in Washington bezeichnet er als „eine Show, zugespitzt auf zwei Personen“.
Abschließend betont Polus die gesellschaftliche Bedeutung des Sports jenseits des Kommerzes: „Der Sport hat immer noch eine Riesenbedeutung für die Gesellschaft.“ Auch wenn Fußball dominant sei, zähle am Ende doch der sportliche Moment – „ursprünglich wie vor 100 Jahren“.



