Der Jackett-Wechsel-Marathon: Ein Trainer für 16 Olympia-Athleten
Bei den Olympischen Spielen in Mailand hat Eiskunstlauf-Trainer Benoît Richaud (38) einen der ungewöhnlichsten Jobs: Er muss nicht nur sportliche Höchstleistungen koordinieren, sondern auch im Minutentakt die Nationaljacken wechseln. Der Franzose ist für insgesamt 16 Athleten aus 13 verschiedenen Ländern verantwortlich – eine logistische Meisterleistung, die ihn zum wandelnden Flaggenparade macht.
Organisation und Emotionen im Sekundentakt
„Es ist eine reine Organisationssache. Es geht schnell“, erklärt Richaud die Herausforderung. In seinem Gepäck befinden sich 13 verschiedene Olympia-Ausrüstungen, und bei den Wettkämpfen hat er die Jacketts aller Nationen dabei, für die seine Sportler antreten. „Normalerweise bringe ich alles in die Garderobe der Läufer. Eigentlich ist das nicht erlaubt, aber sie haben mich ein paar Sachen dort hineinstellen lassen. Sie sind sehr freundlich.“
Doch hinter der praktischen Organisation verbirgt sich ein emotionaler Balanceakt. „Es ist emotional tatsächlich sehr anstrengend, denn es kommt darauf an, wie es läuft“, beschreibt der Trainer. „Stellen wir uns vor, alles ist wunderbar und alle laufen gut, dann ist es ganz einfach.“ Die wahre Herausforderung beginnt, wenn er trösten muss, während bereits der nächste Athlet für seinen Start vorbereitet werden will. „Gott sei Dank kamen sie bislang nicht allzu oft direkt nacheinander, dann wäre es sehr, sehr schwierig.“
Zwischen Höhen und Tiefen: Die emotionale Achterbahn
Richaud springt ständig zwischen verschiedenen Gefühlswelten hin und her. „Wenn einer schlecht läuft und der andere gut, dann erlebt man einen emotionalen Höhepunkt, der sich nur schwer beschreiben lässt“, schildert er die extreme psychologische Belastung. Diese einzigartige Situation sorgte in den sozialen Netzwerken bereits für Lacher und amüsierte Reaktionen – seine „Modenschau“ der Nationaljacken wurde zum viralen Phänomen.
Ein internationales Team mit prominenten Namen
Zu Richauds Schützlingen gehören einige der bekanntesten Eiskunstläufer der Welt. Europameister Nika Egadze (23) aus Georgien und der französische Hoffnungsträger Adam Siao Him Fa (25) zählen zu seinen Stars. Besonders bemerkenswert: Egadze wird von Richaud gemeinsam mit der umstrittenen Trainerin Eteri Tutberidze (51) betreut, die sich in der Vergangenheit sowohl mit Doping-Vorwürfen als auch mit Misshandlungsanklagen konfrontiert sah.
Ebenfalls unter Richauds Obhut steht der Amerikaner Maxim Naumov (24), der mit einer emotionalen Darbietung an seine bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Eltern erinnerte. Beim Kurzprogramm der Männer waren sieben Teilnehmer in Richauds Betreuung, vier davon mit ihm als Chefcoach.
Choreografische Meisterleistungen und Medaillenhoffnungen
Richauds Einfluss geht über das reine Training hinaus. Für das deutsche Paar Minerva Hase (26) und Nikita Volodin (26) zeichnet er als Choreograf verantwortlich – beide sind ebenfalls im Medaillenrennen. Adam Siao Him Fa liegt sogar noch in der engeren Auswahl für einen Podestplatz.
Die Karriere des 38-Jährigen ist bereits jetzt beeindruckend: Als Aktiver gewann er 2005/06 mit Elodie Brouiller die französischen Junioren-Meisterschaften, drei Jahre später erreichte er mit der Kanadierin Terry Findlay den dritten Platz bei den Erwachsenen. Bei den ISU Skating Awards 2024 wurde er als bester Eiskunstlauf-Choreograf ausgezeichnet. Nur eine Olympia-Medaille fehlt noch zum vollendeten Glück – und mit seinen zahlreichen Schützlingen in Mailand könnte dieser Traum bald Wirklichkeit werden.



