Vingegaard vor dem Giro: Neue Ziele, neue Zweifel
Jonas Vingegaard startet erstmals beim Giro d'Italia. Es ist für ihn auch ein Ausbruch aus Routinen. Dazu passen Gedankenspiele über einen Teamwechsel oder ein mögliches Karriereende.
Von Tom Bachmann, dpa, 06.05.2026, 08:45
Voller Fokus auf den Gesamtsieg: Jonas Vingegaard startet erstmals beim Giro d'Italia. (Archivbild) Matteo Secci/ZUMA Press Wire/dpa
Leipzig/Nessebar – Jonas Vingegaard konsultierte erst einmal Frida. „Sie empfand den Gedanken als großartig, mich in einem rosa Trikot zu sehen“, berichtete Dänemarks Radsport-Star nach dem Gespräch. Frida ist wohlgemerkt gerade einmal fünf Jahre alt. Die farbliche Vorliebe seiner Tochter – wenn man denn Klischees folgen mag – dürfte Vingegaard deshalb nicht überrascht haben.
Vor seinem ersten Start beim Giro d'Italia erzählt Vingegaard die Anekdote mit seiner Tochter gern. Natürlich ringt sie einem ein Schmunzeln ab, doch darin steckt viel mehr. Womöglich sogar ein baldiges Karriereende.
Neue Energie durch neue Ziele
Doch der Reihe nach. Zunächst einmal geht der 29-Jährige im bulgarischen Nessebar am Freitag als großer Favorit in den 109. Giro d'Italia. Drei Wochen später möchte Vingegaard im Rosa Trikot des Gesamtsiegers im Schatten des Kolosseums über den Zielstrich in Rom rollen. Damit hätte er neben der Tour de France und der Vuelta a España alle drei großen Landesrundfahrten gewonnen. Das gelang bisher nicht einmal seinem großen Rivalen Tadej Pogacar.
Dass Vingegaard diesen Giro fährt, war sein ausdrücklicher Wunsch. „Ich brauchte einfach eine Veränderung. Ich freue mich total darauf. Es gibt mir viel neue Energie“, sagte der Däne und spannte den Bogen zum eigentlichen Ziel: „Ich könnte dadurch sogar besser bei der Tour sein.“
Zweimal hat er in Frankreich bereits gewonnen, in den vergangenen beiden Jahren aber Niederlagen gegen Pogacar kassiert. Der Slowene hatte im vergangenen Jahr vor der Tour noch den Giro mit einer Leichtigkeit gewonnen, die nun mangels großer Konkurrenz auch von Vingegaard erwartet wird.
Riis und der Wechsel-Gedanke
Für Vingegaard war jedoch in erster Linie ein Ausbruch wichtig. Raus aus den gewohnten Strukturen einer Saison. Neue Rennen, neue Ziele. Und bald womöglich auch ein neues Leben?
Es gibt zumindest gewisse Anzeichen, die entweder auf einen Teamwechsel oder ein Ende der Laufbahn hindeuten. Als Profi kennt Vingegaard keinen anderen Rennstall als Visma, für den er seit 2019 fährt und bei dem er noch einen Vertrag bis 2028 besitzt.
Zuletzt kursierten Gerüchte, dass Visma sein Engagement deutlich zurückschrauben möchte und das Team einen neuen, potenten Geldgeber benötigen würde. Mindestens 30 Millionen müssten pro Jahr investiert werden, um das Niveau zu halten. Stand jetzt ist noch kein Investor gefunden worden.
Den hat sich dagegen das britische Team Ineos gesichert, das mit Beginn des Giro unter dem Namen Netcompany fahren wird. Das IT-Unternehmen kommt ausgerechnet aus Dänemark und so war es kein Geringerer als Bjarne Riis, der die offensichtlichen Gedankenspiele in Worte fasste. „Es wäre unambitioniert von Jonas, wenn er nicht wenigstens über einen Wechsel nachdenken würde“, sagte der Tour-Sieger von 1996. „Das Team hat die Leute, die Ressourcen und die Erfahrung, die es braucht.“
Daten vs. Lifestyle
Visma ist ein Team der Daten und Zahlen. Alles wird dem Erfolg untergeordnet, nichts dem Zufall überlassen. Das führte Vingegaard zwar zu zwei Tour-Siegen, scheint nun aber nicht mehr ganz zu seinem Leben zu passen. „Visma treibt es mit ihm zu weit. Ich fürchte, er überanstrengt sich“, sagte seine Frau Trine im vergangenen Jahr.
Die 40-Jährige ist weit mehr als nur Vingegaards Ehefrau. Sie managed seine Karriere, betreut bisweilen seinen Instagram-Account und geht offen auf Konfrontationskurs zum Team. Ihrer Meinung nach bekommt Vingegaard nicht genügend Unterstützung. „Man kann nur mit Respekt darauf schauen, wie es für Tadej Pogacar getan wird. Wenn er an der Startlinie steht, gibt es keinen Zweifel, wer der Kapitän ist“, sagte Trine Vingegaard.
Zoff um die neue Küche
Und dann war da noch die Episode mit der Küche. Weit vor der Tour 2025 beschloss das Paar, das Haus zu renovieren. Jonas Vingegaard baute dafür die alte Küche aus, die neue ein, verlegte auch noch den Fußboden. „Das Team war darüber nicht sehr glücklich“, berichtete seine Frau.
Doch dies sei genau das, was ihr Mann brauche. „Er lädt seine Batterien nicht in einem dreiwöchigen Höhentrainingslager auf. Er muss zu Hause sein, wo er wirklich er selbst ist“, befand sie und ließ dann diesen vielsagenden Satz los: „In vielerlei Hinsicht begann der Countdown zum Ende seiner Karriere, als wir unser erstes Kind bekamen.“
Und damit geht es wieder zurück zu Frida. Gewinnt ihr Papa den Giro, hat er – auch mit Blick auf einen Konkurrenten wie Pogacar – sportlich nahezu alles erreicht. Vielleicht gelänge hier noch ein Klassiker-Erfolg oder da ein WM-Titel. Doch ob ihn das glücklich macht, dürfte genau die Frage sein, mit der sich Vingegaard irgendwann später in diesem Jahr beschäftigen könnte.



