Digitales Frühwarnsystem: Studierende revolutionieren Deichüberwachung
Die verheerenden Hochwasserereignisse vor rund zwei Jahren haben eindrücklich gezeigt, wie schnell Deiche im Nordwesten Deutschlands an ihre Grenzen geraten können. Als die Wassermassen Ende 2023 Teile Niedersachsens und Bremens überfluteten, standen die Deichverbände vor enormen Herausforderungen. Aus dieser Erfahrung heraus haben acht Masterstudierende der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg nun eine innovative Lösung entwickelt: ein digitales Monitoring-System, das Deiche kontinuierlich und automatisiert überwacht.
Vom manuellen Kontrollgang zur digitalen Überwachung
Bisher mussten Deichwächter bei Hochwassergefahr regelmäßig die Deiche ablaufen, um mögliche Wasseraustritte zu ertasten und den Zustand der Schutzbauwerke zu beurteilen. „Deichwächter laufen den Deich ab und schauen: Wie ist der Zustand des Deiches? Wie ist der Wasserstand auf der anderen Seite?“, erklärt Imke Korte, Wirtschaftsinformatik-Studentin und Mitglied des Projektteams. „Das wollen wir automatisieren.“
Unter der Leitung von zwei Professoren entwickelten die Studierenden im Rahmen des Projekts „Diek un Dat“ ein vollständig autarkes Messsystem. Das Konzept sieht vor, Rohre im Deich zu verlegen und mit verschiedenen Sensoren auszustatten. Diese erfassen kontinuierlich den Wasserstand und dokumentieren den Verlauf der sogenannten Sickerlinie – der Grenze zwischen trockenem und feuchtem Material im Deichkörper.
Autarkes System mit Ampelfunktion
Das Besondere an der Entwicklung: Das System arbeitet komplett unabhängig von externer Stromversorgung und Internetverbindung. Alle Komponenten werden mit Batterien und Solarenergie betrieben, was den Einsatz auch an abgelegenen Deichabschnitten ermöglicht. Die gewonnenen Daten werden per Funk übertragen, automatisiert ausgewertet und auf einer Online-Plattform visualisiert.
„Der Deichwächter muss so nicht jede Stunde über den Deich laufen, sondern kann einfach auf das System gucken“, erläutert Korte. Die Darstellung erfolgt über ein intuitives Ampelsystem, das den aktuellen Zustand des Deiches auf einen Blick erkennbar macht. Bei kritischen Werten schlägt das System automatisch per E-Mail Alarm, sodass Einsatzkräfte umgehend reagieren können.
Praktische Tests und behördliche Unterstützung
Ein Jahr lang tüftelten die Studierenden an ihrer Lösung, stets in enger Abstimmung mit Deichverbänden, Gemeinden und Behörden. Besonders der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) begleitete das Projekt fachlich. Das entwickelte Konzept wurde bereits in mehreren Praxistests überprüft – sowohl am Osternburger Kanal als auch bei einem Deich der Feuerwehrschule Loy in Rastede im Landkreis Ammerland.
Ein Sprecher des NLWKN betont die Vorteile der Technologie: „Die Technologie sei günstig, flexibel und autark einsetzbar. So kann die Messtechnik Einsatzkräfte vor Ort möglicherweise unterstützen, um eine identifizierte Schwachstelle im Deichkörper dauerhaft zu überwachen, ohne Einsatzkräfte einer unmittelbaren Gefahr auszusetzen.“
Zukunftsperspektiven und Herausforderungen
Obwohl das System theoretisch einsatzbereit ist, stehen die Studierenden noch vor der Herausforderung der Finanzierung. Bisher gibt es keine Sponsoren für eine flächendeckende Implementierung. Die Studierenden stellen ihr Projekt heute Nachmittag der Öffentlichkeit vor, um Interessenten und Unterstützer zu gewinnen.
Für eine landesweite Anwendung müsste das System allerdings noch skalieren: Bei der enormen Länge der deutschen Deiche wäre eine vollständige Überwachung aller Abschnitte kaum zu bewerkstelligen. Der NLWKN sieht daher zunächst den Einsatz an bekannten Schwachstellen als realistisches Anwendungsfeld.
Trotz dieser Herausforderungen zeigt das Projekt eindrucksvoll, wie digitale Innovationen den Hochwasserschutz verbessern können. Die Oldenburger Studierenden haben mit ihrem autarken Monitoring-System eine vielversprechende Technologie entwickelt, die Deichverbände entlasten und die Sicherheit von Anwohnern erhöhen könnte.



