Zweiter Testflug der Spectrum-Rakete abgebrochen – Auftragslage bleibt robust
Der mit großer Spannung erwartete zweite Testflug der deutschen Spectrum-Rakete von Isar Aerospace ist unmittelbar vor dem Start abgebrochen worden. Die Gründe für den Abbruch auf dem norwegischen Weltraumbahnhof Andøya waren zunächst nicht eindeutig geklärt, doch es gab Hinweise auf ein Boot in der Sicherheitszone. Trotz dieses Rückschlags verzeichnet das bayerische Start-up eine außergewöhnlich hohe Nachfrage.
Abbruch trotz fortgeschrittenem Countdown
Der Countdown für den Start war um 21.21 Uhr bereits beendet, als der Abbruch überraschend erfolgte. Etwa zwanzig Minuten zuvor wurde in der Livestream-Übertragung ein Boot in der Sicherheitszone rund um die Küstenbasis entdeckt, was möglicherweise zu der Entscheidung führte. Isar Aerospace, 2018 in Ottobrunn bei München gegründet, zählt zu den deutschen Vorzeige-Start-ups in der Raumfahrtbranche. Da es sich erst um den zweiten Versuch handelte, galt ein Erfolg schon im Vorfeld als ungewiss.
Unternehmenschef Daniel Metzler hatte bei einem Pressegespräch am Vortag ein vergleichsweise bescheidenes Ziel ausgegeben: "Wir wollen signifikanten Fortschritt zeigen". Er verwies dabei auf Space X, das vier Versuche benötigte, um ins All zu gelangen. Isar Aerospace plant für dieses Jahr weitere Starts, und der Bau der dritten Spectrum-Rakete ist bereits weit fortgeschritten. Ursprünglich sollte die Rakete bereits im Januar abheben, doch der Start wurde wegen eines defekten Ventils um zwei Monate verschoben.
Hohe Nachfrage trotz fehlender Serienreife
Die Spectrum-Rakete soll nach Erreichen der Serienreife zivile und militärische Satelliten in erdnahe Umlaufbahnen bringen. Rund 60 Prozent der Anfragen kommen mittlerweile aus dem militärischen Bereich. Das Unternehmen strebt eine Produktion von 40 Raketen pro Jahr an. Nach Angaben von Metzler ist Isar Aerospace bereits jetzt mit Aufträgen über mehrere hundert Millionen Dollar bis zum Jahr 2028 ausgebucht, obwohl die Rakete noch nicht serienreif ist.
Die Bedeutung des Jungunternehmens für die deutsche Politik wurde durch den Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf dem Gelände in Andøya am 13. März unterstrichen. Er war gemeinsam mit dem norwegischen Regierungschef Jonas Gahr Støhre vor Ort, um die Fortschritte zu verfolgen.
Europas Kampf um Raumfahrtsouveränität
Das große Interesse an Isar Aerospace resultiert aus der derzeitigen weitgehenden Unfähigkeit Europas, Satelliten mit eigener Technik ins All zu schießen. Seit langem wird die Mehrheit der europäischen Satelliten von Space X befördert. Metzler wies darauf hin, dass die USA im vergangenen Jahr 198 Raketen starteten, der Rest der Welt 124, Europa jedoch lediglich acht.
Jan Wörner, ehemaliger Leiter der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA, betonte die Bedeutung europäischer Souveränität in der Raumfahrt, besonders in unsicheren geopolitischen Zeiten. "Während Europa im Bereich der Erdbeobachtung und Satellitennavigation sehr aktiv war und ist, beschränkte sich die Souveränität bezüglich der Trägerraketen auf Ariane und Vega", sagte er. Mit Start-ups wie Isar Aerospace, Rocketfactory Augsburg und Hyimpulse sei Deutschland nun im Bereich der Microlauncher aktiv.
Wörner hob hervor, dass der Druck auf erfolgreiche Starts in Deutschland sehr hoch sei, während Elon Musk in den USA auch Fehlschläge positiv kommentieren dürfe. "Diese Ausgangslage muss man bedenken und damit den Misserfolg von Isar bewerten. 'Rockets are tricky', schrieb Musk zurecht".
Zukunftsperspektiven und europäische Ambitionen
Isar Aerospace-Chef Metzler unterstrich die Notwendigkeit eines unabhängigen Zugangs zum All für Europa: "Die strategische Realität, mit der sich Europa konfrontiert sieht, ist, dass wir große Weltraumpläne haben können, aber wenn wir keine Straße ins All haben, wird das schwierig". Ohne Präsenz im Weltraum gebe es keine Frühwarnung vor Raketenangriffen, keine sichere Kommunikation und keine frühzeitige Reaktion auf Katastrophen.
Größere Höhen im All wird die Spectrum-Rakete jedoch auch nach Serienreife nicht erreichen können. Hier arbeitet die französisch-deutsche ArianeGroup an der Ariane 6, die in diesem Jahr sieben bis acht Starts planen soll. Diese große Trägerrakete kann schwerere Nutzlasten in geostationäre Umlaufbahnen bringen. Bei Isar Aerospace steht die Entwicklung einer schweren Rakete vorerst nicht auf dem Programm, wie Metzler im Januar deutlich machte.



