München – Plörre, Brühe, Abwaschwasser. Für Bier, das nicht schmeckt, gibt es viele Worte. Aber dieses Bier schmeckt hervorragend, obwohl es eigentlich genau das ist: Plörre, Brühe, Spülwasser … und viel Schlimmeres. Münchner Studenten haben jetzt aus Abwasser Bier gebraut. Und das hat einen ernsten Hintergrund.
Carolin Kerscher (26) ist biologisch-technische Assistentin (BTA) im Forschungscampus der Technischen Universität München. Sie hält einen sogenannten Erlenmeyerkolben, eine Art bauchiges Reagenzglas, gegen das Licht. Darin befindet sich eine ziemlich unappetitliche, stinkende Brühe. „Das kommt nebenan aus der Kläranlage“, sagt sie zu BILD. Kerscher ist dafür zuständig, dass später, wenn das Abwasser zu Bier wird, keine Kolibakterien mehr in der Flasche schwimmen. Das wäre dann ein Alarmsignal, dass Fäkalien in dem sechsfach gefilterten Brauwasser überlebt hätten.
Bier aus Fäkalien erfüllt sogar Reinheitsgebot
Professor Jörg Drewes (63) ist Chef des Lehrstuhls für Siedlungswasserwirtschaft an der TU und forscht, wie man in wasserarmen Regionen künftig das Abwasser wiederverwerten kann. „Etwa in Unterfranken (Bayern) ist Wasser durch geologische Gegebenheiten oft knapp“, sagt er zu BILD. „Die Stadt Schweinfurt will dort für die Zukunft vorbereitet sein.“ Drewes’ Lehrstuhl entwickelt weitere Reinigungsstufen für Kläranlagen, um Abwasser zumindest als Kühlwasser oder für die städtische Bewässerung von Grünflächen aufzubereiten. Bisher wurde das Dreckwasser in den Kläranlagen durch Rechen, Bakterien und Filter so weit gesäubert, dass es zumindest in Flüsse geleitet werden kann. Deutlich mehr Sauberkeit, um das Wasser für Parks und Gärten zu verwenden, schaffen jetzt die in München entwickelten Tuchfilter, die Bearbeitung mit Ozon und Aktivkohle.
EU verlangt neue Reinigungsstufen in Kläranlagen
„Die sogenannte vierte Reinigungsstufe ist eine neue EU-Vorgabe, die stufenweise ab 2033 bis 2045 in ganz Europa erfüllt sein muss“, sagt Drewes. Dass das Wasser am Ende sogar trinkbar wird, ist zwar nicht Teil des EU-Gesetzes, zeigt aber, wie wirkungsvoll zusätzliche Reinigung unter anderem mit Wasserstoffperoxid ist, das auch noch die geringsten Spuren von Kosmetika, Medikamenten oder Drogen aus dem Abwasser zieht. Vielleicht ist der Lehrstuhl des Professors deshalb bei Studenten so beliebt: Hinter dem Labor gibt es einen Privat-Biergarten für das Helle aus Abwasser.
Dieses Bier ist reine Kopfsache
„Unser Bier aus Abwasser schmeckt wie ein ordentliches Münchner Hell“, sagt der Professor. „Prost!“ Und tatsächlich: Das „ReUSE BREW“ („Wiederverwendungs-Bräu“) ist süffig, weich und hat eine sanfte Hopfennote. Von handelsüblichen Bieren aus frischem Brunnenwasser ist es nicht zu unterscheiden – und der Beweis: Biergenuss ist hier reine Kopfsache. 4000 Liter des Gebräus werden ab Montag in München bei der IFAT, der weltweit führenden Fachmesse unter anderem für Wasser und Abwasser, ausgeschenkt.



