Eschensterben im Isartal: Stadt fällt Bäume, Naturschützer kritisieren Fällpraxis
Eschensterben: Stadt fällt Bäume, Naturschützer kritisieren

Eschensterben im Isartal: Stadt fällt Bäume, Naturschützer kritisieren Fällpraxis

Im Isartal zwischen Thalkirchen und Solln schreitet das Eschentriebsterben unaufhaltsam voran. Zahlreiche Eschen fallen dem aggressiven Stengelbecherpilz zum Opfer, der mutmaßlich aus China importiert wurde und die Standfestigkeit der Flachwurzler massiv schwächt. Während die Landeshauptstadt München aus Sicherheitsgründen ein umfangreiches Fällprogramm durchführt, zweifeln Naturschützer und Aktivisten an der Notwendigkeit vieler Eingriffe und fordern einen deutlich strengeren Baumschutz.

Massive Fällungen entlang beliebter Radwege

Wer in letzter Zeit vom Asam Schlössl an der Maria-Einsiedel-Straße Richtung Süden geradelt ist, hat die dramatische Veränderung der Landschaft sicherlich bemerkt. Dutzende frisch gefällte Eschenstümpfe säumen den beliebten Radweg zwischen Thalkirchen und Solln. Conrad Lausberg, Baumschutzbeauftragter des Bezirks und Mitglied der ÖDP, zeigt bei einer Ortsbegehung auf die traurigen Überreste einst prächtiger Baumgruppen. "Manche Bäume sind nicht zu retten", stellt Lausberg nüchtern fest, während er auf die aufgeweichten Holzstrukturen unter der Rinde verweist.

Die Stadt München begründet die umfangreichen Fällmaßnahmen mit der Verkehrssicherungspflicht. "Nur Bäume, die nicht mehr verkehrssicher sind, also eine Gefahr für Leib und Leben darstellen, werden gefällt", versichert das Baureferat in einer Stellungnahme. Im gesamten Jahr 2025 seien insgesamt 2900 Bäume im Stadtgebiet entnommen worden, wobei der Baumbestand auf öffentlichen Flächen etwa 800.000 Exemplare umfasse. Entlang der Radroute in Thalkirchen und Solln stelle das Eschentriebsterben die Hauptursache für die jährlichen Fällungen dar, da die Esche hier die dominierende Baumart sei.

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Naturschützer kritisieren überzogene Fällpraxis

Münchner Naturschützerinnen wie Rosemarie Riszterer zeigen sich alarmiert von der Fällpraxis der Stadt. "Es werden zu viele Bäume gefällt", ist die Aktivistin überzeugt. Sie hat der Redaktion mehrere Fotos von Bäumen zugesandt, die augenscheinlich gesund wirken, aber mit den charakteristischen blauen Punkten markiert sind – dem Todesurteil für jeden Baum, der gefällt werden soll. Riszterer spekuliert, dass beauftragte Baumfäller eher zu viele als zu wenige Bäume entnehmen würden.

Die engagierte Naturschützerin hat bereits Petitionen gestartet, um München zu mehr Baumschutz zu zwingen. Eine davon trägt den Titel "Geltendmachung der Baumschutzverordnung für öffentliche Grünanlagen und Friedhöfe in München". Ihre zentrale Forderung: "Die Stadt muss ihre eigene Baumschutzverordnung einhalten". Besonders kritisch sieht Riszterer den Umgang mit einer prächtigen Dreier-Gruppe von Eschen direkt hinter dem Asam Schlössl, die wahrscheinlich mehr als 80 Jahre alt waren und inzwischen ebenfalls gefällt wurden.

Stadt verteidigt Kontrollmechanismen und Ersatzpflanzungen

Das Baureferat weist die Vorwürfe der überzogenen Fällpraxis entschieden zurück. "Alle Fällungen sind belegbar", betont die Behörde. Die fachgerechte Ausführung der Arbeiten durch externe Firmen werde mit täglich ein- oder mehrmaligen Kontrollen durch eigenes Personal engmaschig begleitet. Bei Zweifeln würden regelmäßig Gutachter hinzugezogen.

Zudem betont die Stadt, dass alle gefällten Bäume an gleicher Stelle ersetzt würden – mit Ausnahme von dicht bewachsenen Gebieten wie bewaldeten Friedhöfen. Dort könnten ohne Schädigung bestehender, gesunder Bäume keine Baumgruben gegraben und neue, bereits größere Bäume gepflanzt werden. Interessanterweise entstünden in München jährlich rund 2100 neue Bäume auf natürliche Weise.

Baumschutzbeauftragter sieht differenziertes Bild

Baumschutzbeauftragter Conrad Lausberg, der die Aktivistin Riszterer aus Bezirkssitzungen kennt, wo sie mehrfach um den Erhalt von Bäumen gekämpft hat, äußert sich differenziert zu den Vorwürfen. "Manche Fällungen sind augenscheinlich nicht sofort nachvollziehbar", räumt er ein. Gleichzeitig betont er, dass befallene Bäume kaum zu retten seien. Zwar gebe es Forschungen, die im frühen Stadium des Pilzbefalls Rettungsversuche unternähmen, doch "das Ergebnis ist unklar".

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Lausberg stellt jedoch die Fällaufträge der Stadt nicht grundsätzlich infrage. Bei der Ortsbegehung Mitte März zeigt er sich skeptisch angesichts der Baumstümpfe, deren Stämme freigelegt wurden und augenscheinlich Schimmelbefall aufweisen. Fährt man mit der Hand über den Mittelteil der Stümpfe, fühlt sich das Holz flaumig an – ein deutliches Zeichen für den fortgeschrittenen Pilzbefall.

Folgen für Pilzökologie und Sammler

Das große Eschensterben hat nicht nur fatale Folgen für die Baumart selbst, sondern beeinflusst auch das ökologische Gleichgewicht. Pilzsammler sind besorgt über die Zukunft der beliebten Speisemorchel. Georg Dünzl, Münchner Pilz-Experte, erklärt: "Speisemorcheln sind angewiesen auf die Nährstoffe der Esche". Unter Sammlern werde ein Rückgang dieser Delikatesse befürchtet, da die einfache Rechnung gelte: weniger Eschen, weniger Speisemorcheln.

Doch Dünzl glaubt nicht an einen kompletten Rückzug der Sorte. "Es gibt über 50 Arten der Speisemorchel", sagt er. Manche könnten auch von den Nährstoffen eines Apfelbaumes leben, wobei Apfelbäume meistens nicht auf öffentlichem Grund, sondern in privaten Gärten stünden. "In der Natur gibt es kein Alles oder Nichts", resümiert der Experte philosophisch. Die umfassenden Eschen-Fällungen der Stadt kann er dennoch vollständig nachvollziehen: "Es ist sehr gefährlich. Befallene Bäume sind schon ansatzlos umgefallen".

Die Diskussion um den richtigen Umgang mit dem Eschentriebsterben im Isartal zeigt die Spannung zwischen notwendiger Sicherheitsvorsorge und dem berechtigten Anliegen des Naturschutzes. Während die Stadt auf ihre Kontrollmechanismen und Ersatzpflanzungen verweist, fordern Aktivisten transparentere Entscheidungsprozesse und eine strengere Anwendung der Baumschutzverordnung. Das Schicksal der Eschen im Isartal bleibt ein emotionales Thema, das Münchner Naturschützer und Stadtverwaltung weiterhin beschäftigen wird.