Ein lauter Schrei in der Abenddämmerung: Luchs-Sichtung im Harz
Die blaue Stunde bricht über den Harz herein, und die Landschaft zeigt sich von ihrer tragischen Seite. Hunderttausende tote Fichten, Opfer von Trockenheit und Borkenkäferbefall, säumen den Blick Richtung Brocken. Doch ausgerechnet in dieser scheinbar trostlosen Umgebung erklingt ein lautes Rufen – ein Beweis für erfolgreichen Naturschutz in Deutschland.
Eine kleine Sensation im Harzer Wald
Kurz vor Sonnenuntergang alarmiert mich der charakteristische Schrei des Luchses. Nur wenige Minuten später kommt mir Europas größte Raubkatze tatsächlich auf einem Waldweg entgegen. Leise, vorsichtig, aber mit unverkennbarer Selbstsicherheit bewegt sich das Tier. Wenig später legt es sich ins weiche Laub, leckt sich die Pfoten und schließt immer wieder die Augen – ganz wie eine Hauskatze bei der Fellpflege.
Diese Begegnung ist eine echte Sensation, denn in ganz Deutschland leben gerade einmal etwa 200 dieser scheuen Katzen. Noch vor fünfzig Jahren wäre eine Luchssichtung im Harz schlicht unmöglich gewesen. Die Raubkatzen waren um das Jahr 1900 herum in Deutschland vollständig ausgerottet worden.
Das Comeback der Raubkatze
Erst in den 1970er Jahren begannen ambitionierte Auswilderungsprojekte, zunächst im Bayerischen Wald und später mit besonderem Erfolg im Harz. Zwischen den Jahren 2000 und 2006 wurden rund um den Brocken neun männliche und fünfzehn weibliche Luchse ausgewildert. Diese Tiere wurden zu den Urvätern und -müttern des Luchs-Comebacks in der Mitte Deutschlands.
Dass ich nun diesem beeindruckenden Nachfahren im dunkler werdenden Harz begegne, hat einen besonderen Grund: Bei dem Luchs-Männchen spielen gerade die Hormone verrückt. Anfang März begeben sich die Kuder, wie männliche Luchse genannt werden, auf Brautschau. In dieser Zeit sind sie weniger vorsichtig als sonst und machen sich durch ihr lautes Schreien über größere Entfernungen bemerkbar – nicht nur für potenzielle Partnerinnen, sondern auch für Naturfotografen.
Der Luchs, mit einer Schulterhöhe von etwa siebzig Zentimetern, präsentiert sich in der Abenddämmerung als wahrer König seines Reviers. Sein entspanntes Verhalten im weichen Laub, die sorgfältige Fellpflege mit der Zunge und das wiederholte Schließen der Augen vermitteln den Eindruck einer ganz normalen Hauskatze – doch dieser Eindruck trügt. Es handelt sich um eine der seltensten und beeindruckendsten Raubkatzen Europas, deren Rückkehr in deutsche Wälder ein großer Erfolg für den Artenschutz darstellt.
Die Begegnung mit diesem Luchs-Männchen im Harz ist mehr als nur ein glücklicher Zufall für einen Naturfotografen. Sie steht symbolisch für die Wiederkehr einer Art, die einst aus deutschen Wäldern verschwunden war, und zeigt, dass gezielte Naturschutzmaßnahmen tatsächlich Früchte tragen können – selbst in einer Landschaft, die von den Folgen des Klimawandels und Schädlingsbefalls gezeichnet ist.



