Konflikt zwischen erneuerbarer Energie und Naturschutz
Gerade erst wurde der Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide als erster Internationaler Sternenpark und Dunkelheitsschutzgebiet in Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet. Doch diese Errungenschaft könnte bereits gefährdet sein: Die WEMAG plant in der Nähe des Dorfes Alt Sammit bei Krakow am See ein Windkraftgebiet mit bis zu achtzehn Anlagen.
Die Vision der Dunkelheit versus blinkende Windräder
„Man stelle sich vor: Stille, funkelnde Sterne – und dann plötzlich achtzehn blinkende Windräder mit Rotorspitzen von 265 Metern Höhe“, beschreibt Torsten Wegner, Anwohner aus Alt Sammit, das befürchtete Szenario. Diese Vorstellung kostet ihn und viele andere Dorfbewohner buchstäblich den Schlaf. Die Zertifizierung als Dark-Sky-Gebiet durch die International Dark-Sky Association soll eigentlich Lichtemissionen reduzieren und die natürliche Nachtlandschaft schützen.
Doch wozu diese Bemühungen, wenn wenige Kilometer entfernt Windkraftanlagen mit ihrer nächtlichen Kennzeichnung die Dunkelheit durchbrechen? Selbst wenn es nur drei Anlagen wären – für Ralf Koch, den Leiter des Naturparks, gehört diese Vorstellung in den Bereich des Absurden. Er hält die geplante Fläche für völlig ungeeignet, nicht nur aus naturschutzfachlichen Gründen.
Tourismus versus schnelles Geld
Besonders kritisch sieht Koch die Auswirkungen auf den sich entwickelnden sanften Tourismus in der Region. „Wir müssen aufpassen, dass wir uns solche Chancen nicht um des schnellen Geldes wegen verbauen“, warnt der Naturparkleiter. Viele Einheimische hätten sich gerade im Sternentourismus und der Naturbeobachtung ein Standbein aufgebaut, das durch die geplanten Windräder gefährdet würde.
Die Stadt Krakow, zu der Alt Sammit gehört, hält sich in der Bewertung zurück. Solange kein Genehmigungsverfahren eingeleitet wurde – was derzeit nicht der Fall ist – könne sie keine offizielle Bewertung vornehmen. Bürgermeister Dirk Rojahn sieht in der Dark-Sky-Zertifizierung jedoch „kein grundsätzliches Hindernis für Windenergieanlagen“.
Moderne Anlagen verfügten über bedarfsgesteuerte Nachtkennzeichnungssysteme, die nur bei Annäherung von Luftfahrzeugen aufleuchten. Eine dauerhafte Beleuchtung finde also nicht mehr statt, argumentiert Rojahn. Aus Sicht der Stadt sei die Sternenpark-Zertifizierung daher nicht automatisch mit einem Ausschluss von Windenergie verbunden.
Jahrelanger Widerstand der Anwohner
Torsten Wegner und viele Alt Sammiter kämpfen bereits seit Jahren gegen Windkraftprojekte vor ihrer Haustür. Bereits 2014 galt das Gebiet um Groß Tessin laut Abwägungsdokumentation zum Raumentwicklungsprogramm für den Landkreis Rostock als nicht geeignet für Windkraft.
Doch Anfang 2024 tauchte die sensible Region erneut als potenzielles Ausweisungsgebiet auf – im ersten Entwurf des neuen Raumentwicklungsprogramms. Ein Bauantrag für zwei Windenergieanlagen wurde im Dezember 2024 nach Protesten der Anwohner abgelehnt. Dass das Windeignungsgebiet im zweiten Entwurf Ende 2024 wieder von der Liste verschwand, nützte den Alt Sammitern wenig: Im Sommer 2025 erfuhren sie von einem neuen Bauvorschlag der WEMAG-Tochter MEA.
Mittlerweile haben die Gegner des Projekts 1500 Unterschriften gesammelt. „Auch Krakower und Touristen sitzen mit im Boot“, berichtet Wegner. Die Solidarität reiche weit über die Dorfgrenzen hinaus.
Gefahr für geschützte Arten
Die Bedenken der Gegner gehen weit über ästhetische oder touristische Aspekte hinaus. Das geplante Gebiet liegt mitten in einem europäischen Vogelschutzgebiet. Krakow ist offiziell als Luftkurort anerkannt. An den Krakower Seen brüten geschützte Großvögel wie Milane und Adler, aber auch Kraniche, Gänse und Schwäne.
Besonders gravierend wären die Auswirkungen auf den sogenannten „Fledermaus-Hotspot“ im Naturpark Nossentiner-Schwinzer Heide. Die geschützten Tiere könnten die hohen Windräder als potenzielle Übernachtungsmöglichkeit oder Jagdrevier ansehen – eine fatale Fehleinschätzung, die für viele Fledermäuse tödlich enden würde.
Die WEMAG hat sich trotz mehrfacher Anfragen bisher nicht zu den konkreten Plänen geäußert. Für die Anwohner und Naturschützer bleibt die Ungewissheit, ob der erst kürzlich errungene Status als Internationaler Sternenpark tatsächlich den notwendigen Schutz vor weiteren Eingriffen in die Nachtlandschaft bietet.
Der Konflikt zwischen dem Ausbau erneuerbarer Energien und dem Schutz sensibler Naturräume zeigt sich hier in aller Schärfe. Während die einen auf klimafreundliche Energieerzeugung setzen, fürchten die anderen um ein einzigartiges Naturerbe, das gerade erst internationale Anerkennung gefunden hat.



