Futter-Mythos aus dem Netz: Macht die Wand Katzen beim Fressen wirklich Stress?
Glaubt man Behauptungen in den sozialen Medien, mögen Katzen beim Fressen nicht gegen die Wand gucken. Seit Monaten kursiert online die Warnung, dass Katzen beim Essen auf keinen Fall mit dem Kopf in Richtung Wand stehen sollten. Angeblich könne dies Stress verursachen, sei unnatürlich oder führe sogar dazu, dass die Tiere ihr Futter verweigern. Viele besorgte Halter sind dadurch verunsichert und stellen die Futternäpfe um.
Woher stammt der Gedanke eigentlich?
Die Annahme, dass Katzen nicht mit dem Gesicht zur Wand fressen sollten, begegnet Experten wie Louisa Stoeffler, Redakteurin bei PETBOOK und erfahrene Katzenexpertin, seit längerer Zeit. Im Austausch mit anderen Haltern und in ihrer Arbeit als Katzensitterin hat sie beobachtet, dass einige Tierbesitzer mittlerweile fest davon überzeugt sind, den Napf anders zu platzieren.
Die Überlegung dahinter erscheint zunächst logisch: Katzen sind von Natur aus kleine Beutegreifer, die während der Nahrungsaufnahme in einem verletzlichen Zustand sind. Sie sind abgelenkt und können ihre Umgebung nicht vollständig kontrollieren. Daher möchten sie potenzielle Gefahren wie Angreifer oder Futterdiebe frühzeitig wahrnehmen.
Gleichzeitig ist ein Napf an der Wand für Menschen oft praktischer – er steht weniger im Weg, wirkt aufgeräumter und befindet sich häufig an einem ruhigeren Ort. Trotzdem stellen viele Halter ihn bewusst um, aus vermeintlicher Rücksicht auf das Tier. Doch ist diese Vorsichtsmaßnahme wirklich notwendig?
Ein praktischer Test mit dem Kater Remo
Louisa Stoeffler hat mit ihrem eigenen Kater Remo, der seit 2019 bei ihr lebt, ein Selbstexperiment durchgeführt. Remo hat sich beim Fressen schon immer so positioniert, dass er dem Raum eher den Rücken zudreht, selbst wenn er die Tür im Blick haben könnte.
Für den Test platzierte die Expertin seinen Napf bewusst frei im Raum. Das Ergebnis war eindeutig: Remo setzte sich einfach wieder so hin, dass er nicht in den Raum schauen musste, und fraß entspannt weiter. Er fühlt sich wohl, muss keine Ressourcen verteidigen und erhält sein Futter regelmäßig.
Die Idee ist nicht grundsätzlich falsch
Grundsätzlich ist die Annahme jedoch nicht vollkommen falsch. Vor allem bei ängstlichen oder unsicheren Katzen kann es sinnvoll sein, einen geschützten Ort mit guter Rundumsicht auszuprobieren. Allerdings bietet ein solcher Platz den Tieren nicht automatisch Sicherheit.
Für die meisten Katzen ist etwas anderes entscheidend: ein ruhiger, berechenbarer Ort ohne Störungen. Eine offene Fläche mitten im Raum, wo ständig Bewegung herrscht, kann deutlich unangenehmer sein als ein geschützter Platz – selbst wenn dieser an der Wand liegt.
Während der Nahrungsaufnahme können Katzen ihre Umgebung ohnehin nicht vollständig im Blick behalten. Daher ist ein ruhiger, sicherer Ort wichtiger als eine theoretische Rundumsicht. Entscheidend sind Faktoren wie Lärm, Bewegung oder unvorhergesehene Störungen – nicht die Frage, ob die Katze gegen eine Wand schaut.
Letztendlich zeigt der Praxistest, dass individuelle Vorlieben und Gewohnheiten der Katze eine größere Rolle spielen als pauschale Regeln aus dem Internet. Halter sollten auf die Bedürfnisse ihres Tieres achten und nicht blindlings jedem Online-Mythos folgen.



