Populisten nutzen Wal-Drama: Warum die Wut um den Buckelwal vor Poel so emotional aufgeladen ist
Populisten nutzen Wal-Drama: Die Wut um den Buckelwal vor Poel

Populisten nutzen Wal-Drama: Warum die Wut um den Buckelwal vor Poel so emotional aufgeladen ist

Seit dem 31. März liegt ein Buckelwal in etwa 1,50 Meter Wassertiefe vor der Ostsee-Insel Poel. Fachinstitute, Tierschutzorganisationen und Experten weltweit sind sich einig: Dem Tier kann nicht sinnvoll geholfen werden, es sollte in Ruhe und Würde sterben dürfen. Dennoch brodelt in sozialen Medien der Zorn, es gibt Proteste vor Ort und heftige Anfeindungen gegen die Sängerin Sarah Connor für ihren Instagram-Beitrag zum Wal. Warum löst dieses Einzelschicksal solch emotionale Reaktionen aus?

Die Illusion der einfachen Lösung

Jan-Philipp Stein von der TU Chemnitz erklärt, dass viele Menschen in unserer komplexen Zeit nach einfachen Lösungen suchen. „Diese Art von Komplexitätsreduktion übt auf viele Menschen in unserer heutigen Zeit einen großen Reiz aus.“ Der Fall erscheine augenscheinlich klar: „Ein beeindruckendes und bekanntermaßen auch sehr intelligentes Lebewesen leidet, und alles, was - vermeintlich - zur Rettung erforderlich ist, ist der Transport einige Hundert Meter ins offene Meer hinaus.“

Doch die Realität ist komplizierter. Finn Viehberg, Leiter des WWF-Ostseebüros in Stralsund, betont: „Die Frage ist, was tatsächlich gut ist für das Tier.“ Jeder weitere Rettungsversuch wäre mit mehr Qual verbunden, bei sehr geringen Erfolgsaussichten. Ein Gutachten zum Zustand des rund zwölf Meter langen Wals kommt zum Schluss, dass Transportmöglichkeiten für ein Tier dieser Größe nicht existieren und schon ein Anheben mit Schlaufen extremen Stress verursachen würde.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Moralische Aufregung und Virtue Signalling

Roman Rusch von der Hochschule Ansbach analysiert: Bei politischen Krisen hänge das Mitgefühl von persönlichen Ansichten ab - das Mitgefühl für den Wal hingegen sei von niemandem infrage stellbar. „Menschen sind komplex, der Wal nicht.“ Hinzu komme menschliches Mitverschulden, da dem Tier ein Fischernetz aus dem Maul hängt. „Der Mensch ist Täter - und nun tut dieser Täter nichts, das ist schwer zu ertragen.“

Medienwissenschaftler Stein verweist auf sogenanntes Virtue Signalling: öffentlichkeitswirksam inszenierte Verhaltensweisen, mit denen Menschen die eigene moralische Tugendhaftigkeit zum Ausdruck bringen und zugleich andere abwerten wollen. Frank Schwab von der Universität Würzburg ergänzt: „Wenn ich mich jetzt vehement einsetze, bekomme ich das Ansehen von Menschen mit ähnlicher Haltung.“

Warum gerade dieser Wal?

Neurowissenschaftlerin Maren Urner erklärt: „Unser Gehirn funktioniert über Emotionen.“ Es falle leichter, auf ein Einzelschicksal zu reagieren, besonders wenn es wie eine Serie mit Cliffhängern ablaufe. Medienpsychologe Schwab fügt hinzu: „Der Wal ist eine mythologische Figur, er ist friedlich, intelligent, er kümmert sich um seine Kinder.“ Unsere Zuneigung zur Natur sei höchst selektiv - Herzhaft ins Fischbrötchen beißen und zugleich vehement eine Walrettung fordern sei für manche kein Widerspruch.

Populisten springen auf die Welle

Klar ist: Mit dem Thema lässt sich Aufmerksamkeit generieren. Rusch warnt: „Auf solchen Aufmerksamkeitswellen mitzureiten, sei für Populisten sehr attraktiv.“ Dass weitere Rettungsversuche ausblieben, lasse sich als moralisches Staatsversagen darstellen. „Das ist besonders gefährlich: Der Staat wird nicht nur als korrupt, sondern auch als moralisch verdorben dargestellt.“

Die schweigende Mehrheit und Verschwörungsmythen

Der Schein trügt bei solchen aufgebauschten Debatten, betont Schwab: „Eine sehr kleine Gruppe macht sehr viel und sehr laut Spektakel.“ Menschen mit moderateren Sichtweisen äußerten sich in öffentlichen Diskursen häufig weniger sichtbar. Urner ergänzt: „Gerade weil es diesen Konsens der Experten gibt, entstehen Verschwörungsideen.“ Verschwörungsgeschichten würden mit wissenschaftlicher Skepsis verwechselt.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Was wäre sinnvoll?

Walexperten und Tierschutzorganisationen sollten ausführlich und wiederholt darlegen, warum es die beste Lösung ist, das Tier sterben zu lassen, meint Rusch. Dabei sei der Würdeaspekt hervorzuheben. Urner sieht im Fall auch eine Chance, Menschen Naturschutz näherzubringen - nicht belehrend, sondern mit Angeboten zu weiteren Informationen.

Sarah Connor richtet ihre Botschaft an alle, denen der Wal leidtut: „Esst weniger oder am besten gar keinen Fisch, reduziert euren Konsum! Unterschreibt Petitionen, die gegen das Massenfischen mit Grundschleppnetzen sind!“ So könnte aus der emotionalen Aufregung tatsächlich etwas Positives entstehen.